Aus LT-manager 5/2019

Michael Schreckenberg,

Die Verkehrswende in 2020

Michael Schreckenberg lehrt an der Universität Duisburg-Essen als Professor für Physik von Transport und Verkehr. Einmal im Jahr richtet er sich an die Leser des LT-manager mit einem kritisch-humorvollen Expertenbeitrag über die Verkehrspolitik.

Prof. Dr. Michael ­Schreckenberg © Gabriele Schreckenberg

Das Schöne am Verkehr ist tatsächlich, dass dort der Phantasie eigentlich keine Grenzen gesetzt sind. Man kann hinschauen wo man möchte, überall geht es rund, sorry, eckig. Ob Straße, Schiene, Wasser oder Luft: Ein Bombardement an täg­lichen Meldungen lässt einem kaum Luft zum Atmen – und die ist ja bekanntlich schon belastet genug.

An vorderster Front ist immer ­wieder unser Verkehrsminister „Andi“ Scheuer in Aktion. Ohne irgendetwas zu bewirken – oder vielleicht deshalb? – schafft er es immer wieder in die erste Reihe der illustren Medienwelt. Was er anpackt, wird zu Giftmüll, der auf­wändig entsorgt werden muss. Ob es um die unsägliche Pkw-Maut geht, die Deutsche Bahn, Wasserwege oder Flugtaxis – alles bleibt im wahrsten Sinne des Wortes am Boden.

Die Sache mit der Pkw-Maut ist ja immer noch virulent, aber nicht, weil sie kommt, sondern aufgrund der ­millionenschweren Kollateralschäden (wunderschönes Wort!), die der Versuch ihrer Einführung hinterlassen hat. Wie so häufig gehen die unsinnigsten Dinge hinter verschlossenen Türen schief, Pisa lässt grüßen (Turm und Studien!). Dabei macht uns gerade Österreich vor, wie es andersherum geht. Erst wird die deutsche Pkw-Maut vor dem EuGH weggeklagt und dann wird auf fünf grenznahen Autobahnabschnitten die eigene Maut ausgesetzt. Ehrlicherweise muss man natürlich sagen, nicht Deutschfreundlichkeit ist der Grund, sondern um die Ausweichverkehre von den Landstraßen zu locken.

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Bei der Bahn wird jetzt kräftig ­investiert. Von 156 Milliarden Euro für die Infrastruktur bis 2030 ist da die ­Rede. Doch bis dahin sollen angeblich auch eine Million Ladestationen für Elektroautos existieren, mal abgesehen von allem, was im Bundesverkehrs­wegeplan 2030 so alles drinsteht. Aber keiner weiß so genau, was und wie die Bahn das bewerkstelligen soll. Über­kritische Zweifler gibt es ja nun leider immer wieder …

Das Dolle bei der DB ist ja, dass nur rund jeder vierte Zug heute verspätet ist. Dabei heißt aber Verspätung sechs Minuten und mehr. Und nun kommt’s: Ausgefallene Züge gelten nicht als verspätet und tauchen in der Statistik gar nicht erst auf. Bahnchef Richard Lutz sagte in „Hart aber Fair“, dass man das mal so entschieden habe. Die Bahn selbst verweist auf ein fehlendes ­„sinnvolles mathematisches Modell“ zur ­Berücksichtigung ausgefallener oder ­vorzeitig beendeter Zugfahrten. An­gesichts von rund 140.000 pro Jahr kein schlechter Taschenspielertrick. Statistiken fälscht man am besten eben doch selbst. Vom Güterverkehr auf der Schiene ist da erst gar nicht die Rede, dem geht es noch schlechter, denn 2018 hatte jeder vierte Zug mehr als 15 Minuten Verspätung. Eine ganz neue Idee (oder auch nicht?) ist die schnelle und unkom­plizierte Genehmigung von großen Infrastrukturbauprojekten direkt durch den Bundestag, (fast) vorbei an Bürger­protesten. An zwölf Pilotprojekten (fünf Wasserwege und siebenmal Schiene) soll das Verfahren erprobt werden. Da bleibt letztendlich für ­Kritiker nur der Gang vor das Bundesverfassungsgericht. Das wird dann ­irgendwann nach chinesischem Vorbild auch gestrichen …

Auch in der Luft will man sich mit Flugtaxis ein Denkmal setzen. Das hat bei der Präsentation durch Verkehrs­minister Scheuer und der digitalen Staatsministerin Dorothee Bär am 11. März in Ingolstadt auch richtig gut ­geklappt, denn das vorgestellte Modell konnte weder fliegen noch hatte es ­Türen, ein Denkmal halt. Nicht umsonst stellt die CSU seit über zehn Jahren­ den Bundesverkehrsminister.

Aber 2020 wird nun endlich das Jahr im Kampf gegen die Luftschadstoffe, allen voran die Stickoxide. Die Politik versucht sich geradezu darin zu überbieten, mit (zu) schnellen und (zu) ­billigen Lösungen, der Situation Herr zu werden und was auch immer zu ­verhindern. Mediziner und Politiker streiten, und die Bevölkerung schaut traumatisiert zu. Wie war das noch gleich mit der Wirkung von Stick­oxiden?

Auf den Autobahnen in Deutschland wird ja schon seit Jahren um ein Tempolimit gerungen. Erneut ist dem eine Abfuhr erteilt worden, die ­Argumente werden hin- und her­ge­schossen wie ehedem Giftpfeile am Amazonas. Aus dem Gefecht kommen wir so schnell nicht raus, zumal die ­Niederländer mit einer ganz neuen ­Variante aufwarten wollen. Dort soll nämlich zwischen sechs und 19 Uhr auf allen Autobahnen ein Limit von 100 Stundenkilometer gelten, Norwegen und Zypern haben das übrigens ­generell. Selbst Ministerpräsident Mark Rutte nannte dies eine „beschissene Maßnahme“, die aber notwendig sei ­gegen diese Stickoxide.

Nun ist dies in der Tat ein interessanter Ansatz. Denn das Ergebnis ist nicht so ganz klar. Fahren dann viele jetzt morgens vor sechs oder abends nach 19 Uhr? In den Mittagsstunden ist sowieso nicht viel los. Und im Berufsverkehr geht es eh nicht schneller ­vorwärts. Für Deutschland kein realistisches Modell, denn die Verkehrs­verhältnisse verschärfen sich zu­sehends, es wird immer schlimmer. Mehr Lkw-Verkehr, mehr ausländische Pkw (auch aus den Niederlanden). Selbst wenn in den Medien davon ­berichtet wird, erhebt sich kein ­Widerspruch. So ist es halt (stopp). Man müsste da eher eine Mindest­geschwindigkeit einführen, mal sehen, was da noch geht.

In den Städten wird man ­geradezu überschüttet mit neuen ­Ideen, wie man am Ende doch noch die drohenden (Diesel-)Fahrverbote abwenden kann. Das beliebteste Mittel sind dabei Geschwindigkeitsbeschränkungen. Sie kosten wenig, bringen am Ende häufig aber genauso wenig. ­Tempo 30 verschlimmert durch hohe Drehzahl die Lage in vielen Fällen, ist aber schnell installiert. Dies ist aber auch nur überhaupt für kurze Strecken zu empfehlen, sonst wird das Fahren zu langweilig und Ablenkung droht. Eine City-Maut wir da immer ­wieder (erfolglos) ins Feld geführt, ein klassischer Rohrkrepierer, wie Bei­spiele zeigen. Doch da gibt es noch ganz andere Ideen. Köln wartet da mit der (nicht wirklich) neuen Pförtner-Ampel auf. Auf einer Einfallsstraße im Stadtteil Weiden sollen pro Stunde nur 700 statt 1.200 Fahrzeuge per Ampel­schaltung hereingelassen werden. Das floppte natürlich direkt, die Ampel wurde dann per Hand geschaltet.

Düsseldorf ist da noch einen Tick weiter. Die Umweltspur soll’s richten. Neben Bussen, Fahrrädern, E-Fahr­zeugen und Taxis sollen auch Autos mit mindestens drei Insassen dort fahren dürfen. Eine Mutter mit zwei Kindern an Bord wurde schon ermahnt, es sei keine Fahrgemeinschaft. Später nahm man das zurück. Doch die Krone setzte dem ein Bestattungsunternehmen auf – Sie ahnen schon, was kommt. Zwei Fahrer und hinten drin … Die Stadt ließ dann vermelden, es sollten mindestens drei lebende Menschen an Bord sein. An Alternativen wird erst bei ­Pro­testen gedacht. Kostenfreier ÖV oder zumindest für einen Euro am Tag sind auch in der Diskussion. Planlos wird herumexperimentiert, ohne zu wissen, wo das am Ende hinführen soll. Mein Vorschlag für 2020 wäre daher radikal und wirklich konsequent. Erst eine City-Maut (richtig teuer), dann ­dazu die Pförtner-Ampel, um schließlich neben der Umweltspur fahren zu dürfen und keinen Parkplatz zu finden. Hallo E-Scooter, ihr seid eigentlich die letzte Rettung!

Über den Autor:
Prof. Dr. Michael ­Schreckenberg, geboren 1956, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für die Physik von Transport und Verkehr erhielt. Für
LT-manager fasst Schreckenberg seit 2012 das zu Ende gehende Verkehrsjahr zusammen.

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