Was der neue Actros kann

Oliver Willms,

Die digitale Wundertüte

Daimler hat sein Bestseller-Modell Actros auf Zukunft getrimmt. Kamera-Außenspiegel, ein digitales Cockpit, elektro-hydraulische Lenkung und der erste teilautonome Fahrmodus im schweren Lkw machen das Flaggschiff fit für die Zukunft. Können analoge Fahrer da noch mithalten?

© Daimler

Weltpremiere des neuen ­Actros“ steht auf der Agenda am prestigeträchtigen Potsdamer Platz im Business-Herzen der deutschen Hauptstadt. „Alle ­reden, einer macht“ lautet die selbstbewusst-freche Losung zum Stapellauf für den IAA-Star. Doch als Mercedes-­Benz-Trucks-Chef Stefan Buchner den Schleier vom neuen Flaggschiff liften lässt, muss man erst zweimal hinschauen, bevor man den Technologiewandel am wichtigsten Modell des Weltmarktführers erkennt. Denn zu sehen ist auf den ersten ­neugierigen Blick mal nichts: Kein optisches Facelift, kein neuer Name und – vor allem – keine Hauptfahrspiegel mehr an den Seitentüren. Da steht der neue Actros also, mit dem eleganten Charakterkopf eines Elefantenbullen, der die Ohren angelegt hat. Abgesehen vom Wegfall der Spiegel und einem neuen Tagfahrlichtband im Scheinwerfer also ganz der Alte – meint man. Bis Lkw-Chef Stefan Buchner auf die inneren Werte seines jüngsten Sprosses zu sprechen kommt. Denn der Actros trägt seinen High-Tech-Nerz nach innen.

Kameras als Spiegelersatz
Ein digitales Feuerwerk aus mehr als 60 Innovationen haben die Mercedes-Macher still und leise unter der weitgehend unberührten Actros-Außenhülle gezündet – vom ersten teilautonomen Fahrbetrieb im schweren Lkw bis hin zu digitalen Instrumenten und Schaltern. Augenfälligste Neuerung und auf Anhieb Anlass für hitzige Internet-Debatten unter der Fahrerschaft ist der Kamera-Ersatz für die beiden wuchtigen Spiegelpakete an den Fahrertüren. Den Rückblick übernehmen jetzt kompakte Kameras in etwas weniger kompakten Gehäusen oberhalb der Türausschnitte. Weil digital, können die ordentlich wettergeschützten Linsen erheblich mehr als eine spiegelbedampfte Glasplatte. Sie übertragen die Rücksicht auf zwei 15 Zoll große Displays im klassischen Außenspiegelformat, die im Innenraum an den A-Säulen fest montiert sitzen.

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Die etwas tiefere Position im ­Vergleich mit den höher platzierten klassischen Außenspiegeln ist Gewöhnungssache, der eingeschränkte Zugriff auf den Handlauf beim Ausstieg aus dem vier Trittstufen hohen Actros-Haus eher unpraktisch. Dafür glänzt die Kamera-Display-Technik mit einem ganzen Paket an Goodies. So kann man im Display verschiedene Strichmarken setzen, die genau das Ende des Trailers markieren und so feinfühliges Anfahren an die Rampe ermöglicht. Ein weiteres Highlight beim Blick zurück in digital: In der Kurvenfahrt folgt der kurven­innere Kamera-Blick immer dem ­einknickenden Trailerende. So hat man bei Rangierfahrt oder engen Kurven wie beispielsweise im Kreisverkehr die kritischen letzten Achsen immer im ­Visier. Beim rückwärtigen Rangieren schaltet die Kamera auf Weitwinkel im oberen Blickfeld des Displays und ­bietet damit optimale Rückwärts­fahr­absicherung.

Verbesserter Überblick
Was ebenfalls für die ab sofort serien-mäßig verbauten Digital-Displays spricht, ist der fortan völlig freie Blick nach rechts und links durch die Seitenscheiben. Auch wenn der Actros hier mit schlanken A-Säulen und speziell ausgeformten Spiegelgehäusen gut im Rennen lag, ist das ein echter Gewinn an Überblick. Den kann man auch nachts bei verdächtigen Geräuschen am Fahrzeug bewahren. Über einen Schalter im Armaturenbrett oder am Bett kann man das Spiegelsystem für zwei Minuten im Nachtsichtmodus ­aktivieren und lichtscheue Gestalten am Trailer entdecken. Alles Gute beim Actros-Spiegelsystem hat freilich einen Wehrmutstropfen: Die beiden plumpen Rampenspiegel-Schlappohren sowie der Frontspiegel für die Fahrzeugfrontüberwachung bleiben dem neuen Actros erhalten. Man habe dafür noch keinen geeigneten Platz für das Zusatzdisplay gefunden, lautet die halbgare Entschuldigung aus den schwäbischen Ingenieursstuben. Schwer nachzuvollziehen, da Komponentenentwickler Stoneridge ein paar Tage später auf der IAA genau dieses Problem mittels einer 270 Grad ab­gedeckenden Weitwinkelkamera und ­Zusatzdisplays innen über der Fahrertür brilliant lösen konnte. Man darf hoffen, dass diese Lösung bei Daimler bald folgt, dann ist am neuen Spiegelsystem nichts mehr zu kritisieren, auch wenn das viele alte Fahrensmänner immer erst mal kritisch sehen. Dass Daimler damit in Serie geht, verdient Respekt und zeugt einmal mehr von der Ernsthaftigkeit, mit der man sich in Stuttgart von alten Zöpfen trennen mag.

Dass beweist das neue Anzeigenkonzept am Fahrerplatz des Actros. Statt der bekannten Armaturenbrett­rosetten in Vierkantsalami-Design ­sitzen jetzt zwei Digitalanzeigen aus der automobilen Oberklasse, die den ­Anzeigenjob übernehmen. Auf dem Primär­display des „Multimedia-Cockpits“ werden jene fahrrelevanten Informationen angeboten, die früher mit Zeiger und Runddisplay auskommen mussten. Rund um den digitalen Tacho mit Drehzahlmesser bleibt ein frei nach eigenen Präferenzen konfigurierbares Displayfeld, auf dem verschiedene Informationen über Betriebszustände des Antriebs bis hin zur Verkehrszeichen­erkennung angezeigt werden können. Das hochauflösende Display ist erfreulich blendfrei sowie klar und übersichtlich gestaltet. Serienstandard ist ein 10-Zoll-Display, die größere 12-Zoll-Anzeige kostet extra.

Touchscreen statt Kippschalter
So schick die digitale Bedienober­fläche auch wirkt, am Sekundär­display rechts daneben dürften sich die Fahrergeister erst mal scheiden. Wo ehedem solide Kippschalter saßen, ist jetzt schnelle Wisch- und Tippfertigkeit auf einem Tabletoberfläche gefragt. Die meisten Schalterfunktionen und noch ­etliche Extraoptionen übernimmt der Fahrerfinger am Touchscreen. Apps über­nehmen zusätzliche Infodienste und der Truck ist mittels Datencloud ­ständig mit seinem Heimstützpunkt oder dem Servicebetrieb verbunden. Der schnelle Marsch durch die ­verschiedenen Bedienoberflächen kann für ungeübte Fahrer zur Geduldsprobe ausarten. Die schnelle intuitive Umstellung wie im Oberklasse-Pkw dürfte dagegen nicht jedem Lkw-Fahrer zur Verfügung stehen. Sogar auf dem Minibedienfeld am Lenkrad darf man jetzt nicht nur drücken oder rollen ­sondern auch wischen. Was dem verängstigten Handy-­Nutzer nicht klar ist: Warum darf – oder besser muss man hier auch – ­während der Fahrt in die Tiefen eines Anzeigendisplays eintauchen, wenn sogar der Griff nach dem Handy strikt bußgeldbewährt ist? Hier verliert sich die Logik der Gesetzgebung in den Untiefen der neuen digitalen Anzeigewelt.

Start per Tastendruck
Und was passiert wenn man nach dem Umsatteln oder Laden mit schmutzigen Fingern eine diskrete Ölspur über das Display zieht? Ein paar Schnelltipptasten für Licht, Heizung, Klima oder das Telefon sind letzte Leuchttürme für analoge Finger in dieser ­digitalen Wunderwelt. Denn selbst den leidenschaftlich-lustbringenden Dreh am Zündschlüssel elektrisiert Daimler. Mittels Funktechnik oder neudeutsch „Keyless Go“ bleibt der Schlüssel zum Glück stecken. Ein Tastendruck zum Motorstart darf reichen. Gleiches gilt für die Parkbremse: Der feierabend­verheissende Griff zum Druckluft-Zischen bleibt aus. Eine elektrisierte Feststellbremse übernimmt diesen Job per Tastendruck mit geräusch­loser Perfektion. Sie löst sich überdies selbsttätig beim Fahrtantritt. Und ­sogar eine streckbremsenartige Trailer-Anbremsung feiert im neuen Actros als Aufliegerstabilisierungssystem fröhliche Urstände. Kommt man mit dem offensichtlich nicht auszumerzenden Anfahrrucken des Actros in Fahrt, bemerkt man die sämig-geschmeidige Arbeitsweise der neuen elektrohydraulischen Servotwin-Lenkung, die die polterige Lenkanlage des Vorgängers in Rente schickt. Präzise und zielgenau lässt sich so ein sauberer Struck auf die Fahrbahn zaubern, wenn da nicht auf einmal auch der Actros mitspielen will. Denn als zuschaltbares Extra-Goodie fährt der jüngste Actros jetzt aus dem Stand heraus teilautonom durch die Transportwelt.

Die intelligente Kombination von Seitenführungsassistent, Tempomat und Abstandshaltesystem bündelt sich in dem Zusammenspiel, das Daimler Active Drive Assist getauft hat und bereits auf den ersten Metern erstaunlich gut funktioniert. Der permanente Kamera- und Radarblick nach vorn und zur Seite macht es möglich, man fährt tatsächlich autonom und fühlt sich auf Anhieb sicher. Der Actros fährt weder zaghaft noch ruckartig durch die Landschaft. Das System detektiert zuverlässig die gängigsten Fahrbahnsituationen. Damit es dem Fahrer mit Active Drive Assist aber nicht zu wohl in seiner fahrbeschäftigungslosen Haut wird, verlangt das ­System nach einer spürbar am Lenkrad haltenden Hand, die dem System die sofortige Verfügbarkeit des Fahrers in kritischen Situationen vermittelt. So ist es auch bei der neuen Liebe zum autonomen Fahren: Ohne Händchenhalten geht gar nichts. Wohliges Händereiben ist dagegen beim Unternehmer angesagt. Dank ­verbesserter Aerodynamik durch den ­Wegfall der Spiegelohren, dem weiter optimierten Predictive Powertrain ­Control GPS-Tempomaten und der mit ­einer Übersetzung von 2,412 ellenlang übersetzten Antriebsachse soll der Sechs­zylinder im neuen Actros durchschnittlich drei ­­– im Idealfall bis zu fünf Prozent ­­– weniger Kraftstoff konsumieren.

Sicher in die Kurve
Der GPS-Tempomat kommt ab ­sofort auch abseits der Autobahn zum verdienstvollen Einsatz. Für optimale Übersicht, wo es für den Fahrer noch nichts zu sehen gibt, sorgt das neue PPC (Predictive Powertrain Control). Der automatische Temporegler greift dabei jetzt auf digitale Straßenkarten zurück, die Kurvenverläufe sowie die Beschaffenheit von Kreuzungen und Kreisverkehren kennen sollen. Damit lässt sich der Tempomat auf zunächst ungewohnte Art und Weise auch auf Landstraßen nutzen, die GPS-Funktion bleibt dabei immer im Eingriff. In der Praxis reduziert der Actros schon vor unsichtbaren Kurven das Tempo und zeigt auf dem Anzeige­display das Maximaltempo für die kommende Kurve. Mit Ortseinfahrten oder sehr engen Kreisverkehren hat der PPC-Tempomat allerdings noch seine Erkennungsprobleme. In der Summe ist die neue Funktionalität ebenso wie das weiter verbesserte ABA5 (Active Brake Assist) mit Fussgängererkennung bei Fahrtempo von bis zu 50 km/h ein wichtiger Schritt. Der seit zwei ­Jahren verbaute Abbiegeassistent tut ein ­Übriges, um die Betriebssicherheit des ­Lkw-Zuges zu maximieren.
Schöne Nachrichten also in der schönen neuen Welt des Lkw-Fahrens. Wobei man bei Daimler dem neuen Flaggschiff zur Feier der Neuheitenflut durchaus noch etwas frisches Makeup hätte auftragen können. Denn was in dem neuen Actros alles an Innovationen steckt, ist wie gesagt auf den ersten Blick gar nicht ersichtlich. Der Actros sähe aber immer noch so gut aus, heißt es aus dem Top-Management, das man auf solches Facelift auf schwäbisch-sparsame Art durchaus verzichten ­könne. Noch zu mal die neuen ­Fahrzeuglängenvorschriften mit ihren Auswirkungen auf die Lkw-Kabinen quasi vor der Fahrerhaustür stünden. Dann gibt es für den neuen Actros nicht nur hochmodernes Innenleben, sondern auch ein neues Gesicht.

Über den Autor: Der Experte und Fachjournalist Oliver Willms schreibt seit 2010 für LT-manager über den Bereich Nutzfahrzeuge.

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