Kolumne Was Würmser wurmt #38

Marvin Meyke,

Compliance-verdächtig

Anita Würmser
Erschienen auch in LT-manager 2/17. © privat

Ich beschenke meine Geschäftspartner an Weihnachten. Nichts Gewaltiges, eher eine Aufmerksamkeit. Drei Lebkuchen als kleines Dankeschön. Bisher kamen Mails, es seien die besten Lebkuchen der Welt. Im Februar kam ein Paket zurück mit dem Vermerk, ich solle aus Compliance-Gründen von Zuwendungen an Mitarbeiter absehen. Hallo? Drei Lebkuchen!

Vor wenigen Wochen musste ein Chef eines Logistikunternehmens seine Teilnahme an einem bekannten, durch und durch seriösen Logistikevent absagen, weil ein Compliance-Wächter Bedenken geäußert hatte und intern ein Zeichen seiner Macht setzen wollte. Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure? Besonders lustig: Ein anderer Kontrollfreak hat vor zwei Jahren vorgeschlagen, dass Lkw-Fahrer ein Toilettentagebuch führen sollten, damit sie bei der Steuer nicht betrügen können. Wer kommt auf sowas? Und wer will das lesen?

Um Korruption oder Steuerhinterziehung zu verhindern, schießen Compliance-Abteilungen in Unternehmen und Behörden weit übers Ziel hinaus. Die überbordenden Regelwerke sind oft an Schwachsinn nicht mehr zu überbieten, kriminalisieren unbescholtene Mitarbeiter, diskreditieren Geschäftspartner, lähmen die eigene Organisation und öffnen den Berufsintriganten Tür und Tor. An der richtigen Stelle ein „Compliance-verdächtig“ einzustreuen hat eine ähnliche Wirkung, wie „Bombe“ in der Abflughalle des Frankfurter Flughafens zurufen.

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Die Flasche Wein zu Weihnachten, eine Einladung zum Geschäftsessen oder gar zum Oktoberfest macht aus Kollegen im Handumdrehen Kleinkriminelle und Deutschland statistisch zur Bananenrepublik. Die Compliance-Officers wiederum sind so überlastet, dass sie den Verfolgungswahn an – Achtung! – externe Datenschutz- oder Compliance Beauftragte outsourcen. Die wiederum drohen im Namen ihrer Auftraggeber mit Kündigung der Geschäftsbeziehung und verschaffen sich so Zugang zu Geschäftsräumen und Daten von vorzugsweise mittleren und kleineren Auftragnehmern, um zu prüfen, ob dort alles rechtens ist. Das Geschäftsmodell funktioniert sogar im Abonnement. Viermal jährlich „unangekündigt“ Prüfen gibt es schon ab 8.000Euro – natürlich auf Kosten der Geprüften. Für den Auftraggeber ist der Service weitgehend kostenlos. Ist das eigentlich legal?

Kriminelles Verhalten hat sich durch all das bisher nicht verhindern lassen. Im Gegenteil. Die dicken Fische schwimmen weiter unbehelligt in ihren Koikarpfenteichen, und erfinden neue Regeln für Compliance. Das Fazit wurmt: Politik und Wirtschaft dürfen nichts mehr annehmen, auch keine Vernunft.

Anita Würmser ist seit Jahrzehnten eine Institution in der Logistik. Die Wirtschafts- und Logistikjournalistin war Chefredakteurin von ­„Verkehrs-Rundschau“, „Logistik Heute“ und ­„Logistik inside“. Würmser ist Gründerin und Jury-Vorsitzende der Logistics Hall of Fame. In LT-manager nimmt „Mutti“, wie sie die Branche respektvoll nennt, seit Ausgabe eins in ihrer Ex­klusivkolumne kein Blatt vor den Mund.

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