Kolumne: Was Würmser Wurmt

Die Rampensau

Jeder kennt eine Rampensau. Manche sind sympathische Alleinunterhalter, andere nervig. Sie genießen das Rampenlicht, brauchen die Aufmerksamkeit wie Motten das Licht.

Anita Würmser ist Wirtschafts- und Logistikjournalistin, Initatorin der Logistics Hall of Fame und der IFOY-Awards. In LT-manager nimmt „Mutti“, wie sie die Branche respektvoll nennt, exklusiv seit Ausgabe eins kein Blatt vor den Mund. © privat

Man bewundert und verachtet sie gleichermaßen, wäre vielleicht sogar gerne selbst ein bisschen Rampensau. So wie Lidl vielleicht. Während sich die Wirtschaft über digitale Geschäftsmodelle und ganzheitliche Optimierung der Supply Chain den Kopf zerbricht, erobert Lidl gerade mit einem analogen Geschäftsmodell die Schlagzeilen: Künstliche Verknappung an der Rampe erzeugen, dann schlau feststellen, es gebe einen Bedarf, den man flugs deckt. Und schon hat man zwei Services kreiert, die optional buchbar sind: An einer Expressrampe entlädt der Discounter für 40 Euro Aufpreis mit eigenem Personal binnen 90 Minuten. Zwischen 12 und 18 Uhr können Spediteure auch verspätet noch entladen. Kostet 100 Euro und für 140 Euro legt das Lidl­-Personal Hand an. Kann man machen, ist aber ziemlich dumm.

Erstens ist die Entladung sowieso Sache des Empfängers, zweitens kommt die Quittung als Frachtpreisaufschlag im Einkauf wieder zurück. Und was soll an 90 Minuten bitte Express sein? Zeitfenstermanagement ist eine prima Sache. Auch wenn ein paar ewig Gestrige das Märchen vom Paradies ohne Zeitfenster erzählen, in Wahrheit will man die Rampensteuerung nicht mehr missen. Das tagtägliche Chaos im Wareneingang hat ein Ende, Wartezeiten sind geringer und sogar der Umgangston verbessert sich. Schraubenhändler Würth hat vorgemacht, wie man Rampe erfolgreich managed, Alnatura zeigt wie es auch im Lebensmittelhandel flexibel gehen kann. Was dort und an tausenden Rampen in der Industrie oder bei Logistikdienstleistern funktioniert, scheint bei den meisten Lebensmitteleinzelhändlern ein Problem zu sein. Dessen Zentrallagerrampen fallen vorwiegend dadurch auf, dass sie durch monopolartige Zeitfensterstrukturen den Spediteuren lieber mehr Geld aus der Tasche ziehen, als Prozesse zu optimieren.

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Lange Wartezeiten trotz überteuerter Buchungskosten, rüder Umgangston, die sanitären Einrichtungen miserabel. Da ist Luft nach oben. Warum nicht Lernen von Lidl? Keine überteuerten Zeitfenster mehr buchen, feststellen, dass ein Bedarf nach schneller Belieferung besteht und zwei Zusatzservices anbieten: Belieferung nach Wunschtermin für 100 Euro Aufpreis, Entladung durch das Fahrpersonal für 40, oder doch lieber für 80 Euro. Alles nur zum Besten des Handels, versteht sich. Kann man machen, wäre schlau und reimt sich auch auf Rampensau.

Anita Würmser ist Wirtschafts- und Logistikjournalistin, Initatorin der Logistics Hall of Fame und der IFOY-Awards. In LT-manager nimmt „Mutti“, wie sie die Branche respektvoll nennt, exklusiv seit Ausgabe eins kein Blatt vor den Mund.

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