Gastbeitrag: Prof. Michael Schreckenberg

Martin Schrüfer,

Automobil in 2019 – oder voll vor die Wand?

Michael Schreckenberg lehrt an der Universität Duisburg Essen als Professor für Physik von Transport und Verkehr. Einmal im Jahr lässt der Experte humorvoll das Jahr und die Verkehrspolitik Revue passieren.

Weiß nicht nur über Autos viel: Prof. Michael Schreckenberg. © Gabriele Schreckenberg

Die Berg- und Talfahrt der Gefühle des geschundenen Autofahrers, hauptsächlich der Selbstzünder, hat in 2018 mächtig an Speed aufgenommen. Ständig erreichen uns, fast tsunamiartig, neue Horror-Meldungen, die nichts Gutes verheißen. Murmeltierähnlich, das ja bekanntlich täglich grüßt, entscheiden sachlich „unbedarfte“ Richter über Fahrverbote wo auch immer. Vollkommen verunsichert weiß der Fahrzeugfreund alter Schule nicht mehr, ob er sich einer Musterfeststellungsklage anschließen oder einfach weiter fahren soll wie bisher.

Das Wort „Stickoxide“ (der „stoff“ wurde kurzerhand aus der Mitte weg­rationalisiert) kann sowieso keiner mehr hören. Irgendwann schaltet das Gehirn auf Durchzug (gar nicht so schlecht bei Schadstoffen!). Wohnt man neben einer Kirche, hört man das Läuten der Glocken eh auch nicht mehr (eigene Erfahrung!).Da werden die relativ willkürlich bestimmten Grenzwerte in Mikrogramm pro Kubikmeter schnell zu einem Menetekel, dass eine gewisse Endzeitstimmung mit sich bringt. Man kann sich darunter eigentlich sowieso nichts Konkretes vorstellen. Auch taucht die Frage auf, wo dieser Wert eigentlich herkommt. Erschreckt muss man zudem feststellen, dass für „gesunde Arbeitende“ in Industrie und Handwerk lediglich ein Grenzwert von 950 Mikrogramm vorgegeben ist. Zur Begründung wird angeführt, dass die Tages- und Wochenarbeitszeit begrenzt ist (40 Stunden) und arbeitsmedizinische Betreuung zur Verfügung steht. Na also, geht doch, nur mehr Betreuung an die Straße! Und da streitet man über 40 oder 50 Mikrogramm. Man ist an das deutsche Spießertum erinnert, die Grenzen sind irgendwie grenzenlos, Hauptsache sie werden eingehalten. Wieviel Schadstoff ist eigentlich in Ministerien erlaubt? Jüngst fand eine Studie des Forschungszentrums Jülich heraus, dass eigentlich die Lkw, Kleintransporter und Busse das Problem sind. Mehr als die Hälfte der Stickoxide in Innenstädten stammten daher. Nur ein Drittel geht auf die Pkw-Belastung zurück. Und wieder stehen wir vor dem umweltpolitischen Nichts. Was stimmt denn nun, was sollen (oder wollen) wir machen? Da ist die Wand näher als das Nichts am Ende des Tunnels!

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Und weder vor der Wand noch im Tunnel dürfen Messstationen aufgestellt werden. Ein Riesenthema, der Streit darum entbrennt gerade erst. Ist da vielerorts etwas fehlinterpretiert worden? Der Standort sollte „repräsentativ“ sein für ein Viertel, nicht jedoch der Punkt allerhöchster Belastung. Für 2019 wohl das Thema Nummer Eins, es wird uns so schnell nicht in Ruhe weiter­atmen lassen.

Feinstaub? Da braut sich was zusammen!
Derweil aber vergessen wird, dass der eigentliche Feind der Fein(d)staub ist. Das Problem wird vielerorts als gelöst angesehen. Gelöst ist derweil in dieser Beziehung eher die Stimmung, denn Feinstaub lässt sich nicht einfach auflösen. Anders als Stickoxide sammelt sich Feinstaub im Körper kontinuierlich an. Je feiner desto gefährlicher, mit krebserregenden Stoffen, wie eine Schweizer Studie unlängst bestätigte. Und dieses Problem betrifft hauptsächlich Benziner mit Turbolader und Direkteinspritzung. Ob da der Partikelfilter wirklich hilft? Gerade den Diesel gegen einen Benziner getauscht und nun das? Da braut sich was zusammen, ohne Hopfen und Malz. Prost denn auch in 2019!
So atmen wir uns von einem Schadstoff zum nächsten. Kohlendioxid ist schädlich, aber nicht direkt, sondern eher auf lange Sicht, oben in der Atmosphäre. Gerade erschienene Studien lassen eine trübe Zukunft erwarten. Aber wen interessieren diese Szenarien noch wirklich? Und nicht zu vergessen, reduziert man die Stickoxide, so steigt der Verbrauch und damit proportional das Kohlendioxid, der Teufel wird mit dem Beelzebub ausgetrieben, nur sieht man das (oder den?) noch weniger … Konzeptlos schlingern wir also im Schadstoffuniversum umher, die Astronauten von der ISS schauen sich das „genüsslich“ von oben an. Nur dort ist die Gefahr eine ganz andere, nämlich der Weltraumschrott, durchaus sichtbar. Dagegen ist der gefährliche Plastikmüll bei uns in den Meeren am Ende eigentlich nicht sichtbar, landet aber auch in unserem Körper. Wird 2019 also das Jahr der Schadstoffe und des Abfalls?

Apropos Schrott: Was passiert eigentlich mit den umgetauschten Dieselfahrzeugen? Die Schrottpresse würde sich darauf freuen, doch man wird sie wohl eher in schadstoffmäßig unbedarfteren Regionen wie Osteuropa oder Nordafrika wiederfinden. Ob Tausch oder Nachrüstung, profitieren davon wird in jedem Falle die Automobilindustrie. Und was ist mit den ausländischen Fahrzeugen bei uns …? Dabei sollte man bei den ganzen Debatten nicht vergessen, dass ein Stich ins Herz der automobilen Seele emotional sehr schmerzhaft sein kann. Und diese Emotionen sollte man nicht unterschätzen. Zumal viele sich durch die Politik verschaukelt fühlen. Kommt sie heute mit einem Angebot, so sagt sie am nächsten, ich scheue(r) mich nicht, dies wieder zurückzunehmen. Mitunter ist man an Goethe Faust I (wer ihn denn studiert hat) erinnert: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“ Das mit dem Denken ist so eine Sache, denn man weiß nie, wer da gerade denkt (oder auch nicht). Und der gemeine Automobilist schert sich sowieso nicht so sehr um Klimaziele und andere „Randbedingungen“. So nahm die Anzahl der Neuzulassungen von SUV zwischen 2013 und 2017 um stolze 112 Prozent zu (in Zahlen: auf 521.000), bei den waschechten Geländewagen betrug das Wachstum immerhin noch 37 Prozent (auf 299.000).

Baustellen sind besser zu verkaufen als Fahrverbote!
Eigentlich sollte man daher die Schadstoffthematik in 2019 (und noch weit darüber hinaus) als randständig betrachten. Fahrverbote haben wir doch heute schon zur Genüge. Sanierungsmaßnahmen allerorten, Brückensperrungen sowie Fahrbahnerneuerungen und -erweiterungen lassen einen geregelten flüssigen Verkehr doch gar nicht mehr zu. Verschwörungstheoretisch könnte man zu dem Schluss kommen, dass Baustellen einfach besser zu verkaufen sind als Fahrverbote, nur das Ergebnis ist deutlich „durchschlagender“ …

Ein Schelm, der sowas denkt, aber Denken bleibt sowieso wahrscheinlich den Schelmen vorbehalten. Denn wer vermutet eigentlich hinter den meisten Baumaßnahmen eine „höhere Intelligenz“? Fehlende Fachkräfte, sowohl auf der planerischen wie auf der ausführenden Seite, nicht einzuhaltende Zeitschienen, unrealistische Finanzierungsplanungen und am Ende, vielleicht das Wichtigste, fehlende Koordination von Maßnahmen untereinander. Kein Ende dieses Dilemmas in Sicht, BER und Stuttgart 21 sind eigentlich überall, man muss nur genau genug hinschauen! Flüchten wir uns also lieber in vage technische Zukunftsvisionen. Das magische Wort „autonom“ hat mittler­weile alle unsere Lebensbereiche erfasst und bedeutet wie das unsägliche Wort „nachhaltig“ eigentlich nichts mehr. Überall, und vor allem auf der Straße, wird über das sich selbst bewegende und steuernde Gefährt philo­sophiert. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, wann wir uns alle in diese eigenwilligen Fortbewegungsmittel setzen. Das kann fatale Folgen haben. Vielleicht lassen sie uns dann irgendwann einfach stehen, entwickeln ein Eigenleben. Denn dann wird es den Autos wahrscheinlich einfach zu bunt. Dann machen sie sich selbstständig, fahren zum Duschen in die Waschstraße oder treffen sich mit anderen auf einem Parkplatz. Am Ende fahren sie eigenständig in die Schrottpresse – nicht ohne vorher noch ein Selfie von sich verschickt zu haben. Fehlt noch die Erkenntnis, dass der Mensch sich ja auch irgendwie autonom bewegt. In der Politik hat man da so einen Verdacht: Automobil voll durch die Wand in 2019!

Über den Autor
Prof. Dr. Michael Schreckenberg, geboren 1956, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für die Physik von Transport und Verkehr erhielt. Für LT-manager fasst Schreckenberg seit 2012 das zu Ende gehende Verkehrsjahr zusammen.

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