Titelinterview LT-manager 03-04/2019

Martin Schrüfer,

„Wir müssen uns vor keinem Unternehmen verstecken“

In den vergangenen Jahren hat sich der Intralogistik-Spezialist Swisslog unter dem Dach von KUKA zu einem modernen Unternehmen gewandelt und beim Umsatz, aber auch technologisch – vor allem im Bereich Software und Robotik – weiterentwickelt. Im Gespräch mit LT-manager erläutert Dr. Christian Baur, COO Swisslog Gruppe & CEO Swisslog Logistics Automation die Vision für sein Unternehmen und gibt Einblicke in seinen Managementstil.

Dr. Christian Baur. © Swisslog

LT-manager: Lassen Sie uns mit dem Unternehmen Swisslog beginnen. Darf ich fragen, wie die Stimmung ist?
Christian Baur: Wir sind sehr zufrieden. Swisslog ist seit fast fünf Jahren Teil von KUKA und hat sich in dieser Zeit sehr nachhaltig entwickelt. Nicht nur, was das Geschäftsvolumen angeht, das sich seitdem fast verdoppelt hat, sondern vor allem hinsichtlich der, auf die Megatrends abgestimmten, Lösungen und Technologien. Diese Entwicklung motiviert natürlich unsere Belegschaft, die sich bei uns verwirklichen kann. Vor allem das Thema Robotik stößt auf großes Interesse bei unseren Mitarbeitenden. Das erste Stück des Weges ist gemeistert - wir sind auf Kurs.

LT-manager: Was macht KUKA froher? Die neuen Felder oder das Geschäfts­volumen?
Baur: Das ist schwer zu differenzieren, weil nachhaltiges Wachstum ohne neue Technologien nicht möglich ist. Ich bin aber glücklich über die Gesamtentwicklung und wie wir uns aktuell im Markt positionieren. Mir geht es aber vor allem um die langfristige Entwicklung unseres Unternehmens. Zu dieser mache ich mir die meisten Gedanken. Erstens ist zwar die globale Wirtschaft immer noch am wachsen, aber ich denke, dass ein Unternehmen so aufgestellt sein muss, dass es einen Abschwung in einer der Regionen ohne große Auswirkungen verkraften kann. Zweitens befindet sich die Logistik im Umbruch. E-Commerce war der Treiber, der das Konsumverhalten von uns in den letzten Jahren am nachhaltigsten verändert hat. Die Logistik muss dem Rechnung tragen und die digitalen Prozesse vom Lieferanten bis zum Kunden beherrschen.

Anzeige

LTM: Was war Ihre Vision damals?
Baur: Die Logistik war damals eher starr, heute geht es darum, flexible Systeme zu bieten. Unsere Vision vor vier Jahren war es deshalb, das Unternehmen führend in den Bereichen Data, das heißt Software und Robotik zu machen. Da die Markteintrittsbarrieren gesunken sind, haben Sie heute aber nicht nur traditionelle Unternehmen als Wettbewerber, sondern auch viele Start-Ups und Unternehmen aus anderen Bereichen, da die Verfügbarkeit von Rechenleistung wie auch einfach zu bedienenden und kostengünstigen Automatisierungsprodukten – zum Beispiel Roboter – Möglichkeiten bietet. Das stellt eine große Herausforderung dar und bedeutet, dass die Organisationsstruktur des Unternehmens anders aufgestellt sein muss.

LTM: Blicken Sie wirklich so intensiv in die Richtung der Start-Ups? Zum General­unternehmer gehört ja doch mehr als eine Idee zu haben ...
Baur: Stand der Dinge ist, dass Start-Ups interessante Ideen hochbringen, aber wir in der Integration der Technologien in eine ganzheitliche Lösung einen Schritt voraus sind. Wichtig ist das Handling des Gesamtprozesses. Der schnellste Pickroboter nützt mir nichts, wenn ich nicht weiß, welche Ware vorne rein und hinten wieder raus geht, respektive man ihn nicht ins Gesamtsystem integrieren kann. Die Kunden verlangen Lösungen. Angst haben wir keine vor Start-Ups, wir nehmen den Wettbewerb mit ihnen aber ernst und versuchen zu kooperieren um uns gegenseitig zu befruchten. Alle großen Kaufentscheidungen sind getrieben vom Business-Case. Den müssen Sie darlegen. Nur aufgrund der Marke investiert niemand in Automatisierung.

LTM: Macht das den Unterschied aus, mit dem sich Swisslog positionieren will?
Baur: Ja, die Stärke der globalen Softwareplattform mit der Hardware ist wichtig. In Zukunft wird nicht primär Hardware verkauft werden, sondern digitale Lösungen. Außerdem wird die Robotik die Automatisierung unterstützen und zu höheren Effizienzen an den einzelnen Stellen der Supply Chain führen. Hier unterscheiden wir uns von Mitbewerbern. Swisslog bietet intelligente Picking-Lösungen, Palettier-Lösungen, FTS-Systeme und kann dies alles auch entsprechend kombinieren. Vor fünf Jahren hatte Swisslog drei eigene Kernprodukte, Ende 2019 werden es neun sein. Zudem haben wir mit langjährigen Mitarbeitern Logistikexperten an Bord, die genau wissen, wie Technologie richtig eingesetzt werden muss.

LTM: Wie wollen Sie den Bereich Software stärken? Bei der Robotik haben Sie ja mit der Mutterfirma KUKA einen Experten im Haus…
Baur: Wir bauen weltweit die Zahl der Entwicklungscenter aus und fördern viele junge Entwickler. Es geht darum, den vorhandenen und sehr guten Kern der Software mit Apps und Funktionalitäten zu erweitern und zusammen mit KUKA Robotik-Lösungen, wie zum Beispiel ItemPiQ zusätzlichen Kundennutzen zu generieren. Das Kunden­knowhow ist oftmals vorhanden, es geht mehr um das „Wie“ der Umsetzung. Entscheidend ist die Verbindung des WMS (Warehouse Management Systems) mit der Maschinenansteuerung effizient – idealerweise mit softwaregetriebenen Controls Plattformen – hinzubekommen.

LTM: Überlegen Sie, wie andere Marktbegleiter auch, den Bereich Software auszugründen?
Baur: Nein, ich sehe darin im Moment keinen Mehrwert. Wenn ich Software kaufe, muss ich entweder meine Prozesse anpassen oder die Software an meine Prozesse. Das ist gerade für kleinere Unternehmen schwierig und soll auch nicht zu einem Korsett führen. Sprich: Unsere Kunden sehen nicht nur die Software, sondern auch unser Verständnis für die Prozesse.

LTM: Wie sieht es mit dem „Stahl“ aus, ­ist die Hardware eine Commodity?
Baur: In bestimmten Bereichen, im Standardprogramm: Ja. Mit einem Standard-Conveyor unterscheidet sich kein Unternehmen mehr. Aber wenn ich die Prozesse rechnen und optimieren kann, dann wird es spannend.

LTM: Hat sich in den vergangenen ­Jahren auch die Unternehmenskultur von Swisslog verändert?
Baur: Ich denke schon. Unser Team ist angetreten, eine führende Position im Markt einzunehmen und voranzugehen. Swisslog war in der Vergangenheit ein sehr bodenständiges Unternehmen, das darauf ausgerichtet war, kein großes Risiko einzugehen und die Kundennähe voranzustellen. Nun wollen wir unseren Kunden zusätzlich neue Leistungen anbieten. Auch wenn diese von außerhalb unserer Komfortzone kommen. Wenn wir das machen, wecken wir Begeisterung und diese spüre ich, wenn ich meine Teams aber auch Kunden besuche. Wir konnten uns global als einer der führenden Player etablieren, der nicht nur Commodity-Lösungen anbietet, sondern vor allem auf dem Gebiet der Robotik und Software die Entwicklung wesentlich vorantreibt. Das hat auch zu einer Entwicklung unserer Unternehmenskultur beigetragen. Neu haben wir uns interne Werte wie Innovation & Passion auf die Fahne geschrieben. Klar ist: Wir müssen uns vor keinem anderen Unternehmen verstecken.

LTM: Wie können Sie als CEO mit Leadership den Prozess unterstützen?
Baur: In Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung, Globalisierung und Schnelllebigkeit mit beidhändigem Führen, um sowohl Agilität und damit auch Innovationskraft zu fördern. Das bedeutet, die Stärken im Unternehmen zu bewahren und Neues aufzubauen. Das Neue, das man aufbaut, muss man anders managen als das Bestands­geschäft. Denn auch das ist wichtig, denn unsere Anlagen sind teilweise Jahrzehnte im Einsatz.

LTM: Sie managen mit zwei Stilen?
Baur: Man versucht, beiden Herausforderungen entsprechend gerecht zu werden. Leiten Sie ein Forscherteam, haben Sie es mit einem anderen Mindset, einer anderen Haltung und Denkweise zu tun, als bei den Mitarbeitern, die für ein funktionierendes Tagesgeschäft verantwortlich sind. Diese unterschiedlichen Mentalitäten und Orientierungen zu verantworten, dabei motivierend, regulierend, konfliktfähig und optimistisch zu sein, stellt die Basis für gute Führung dar. Die Zukunft liegt nicht nur in den Mitarbeitern unter dreißig. Das Zusammenspiel der Generationen hinzubekommen, ist ebenso wichtig. Mitarbeiter lassen sich durch Visionen motivieren, die nicht nur in einem Brief vom Chef stehen, sondern durch Visionen, die alle leben. Manager müssen verstehen, dass Mitarbeiter sich nicht mehr allein mit der Aussicht auf einen Firmenwagen locken lassen.

LTM: Was macht gutes Leadership aus?
Baur: Ich will als guter Leader agieren und zwischen dem, was ich von meinen Mitarbeitern und was ich von mir erwarte, keinen Unterschied machen. Außerdem muss ich Talente fördern und diejenigen, die motiviert sind unterstützen, damit sie sich weiter­entwickeln. Wenn Sie im Projektgeschäft nicht nur kapazitiv, sondern auch intellektuell nicht gut aufgestellt sind, haben Sie keine Chance.

LTM: Reicht eine Vision allein?
Baur: Zusätzlich brauche ich eine Marke, mit denen sich ein Mitarbeiter identifizieren kann, für die er kämpft und auch mal Niederlagen einstecken lernt. Und man muss an den jeweiligen Standorten weltweit das dort vorhandene Potenzial erkennen und nutzen. Außerdem brauchen sie nachhaltige Programme die Ihr Unternehmen für Talente auch wirklich attraktiv macht. Bei Swisslog bieten wir von jungen Einsteigern bis hin zu Experten attraktive Karrierewege. Das unterstützt, die Besten zu halten und zu gewinnen.

LTM: Was kann denn Europa in diesem Gesamtspiel noch beitragen?
Baur: Der Kern von Swisslog liegt in Europa. Wir sind ein Schweizer Unternehmen. Hier gibt es enormes Logistik-Knowhow. Auch hier ist es wichtig, nicht nur auf Mitarbeiter außerhalb Europas zu setzen, sondern zu sehen, dass sich europäische Kollegen mit großer Erfahrung voll ins Unternehmen einbringen und diese weitergeben. Ein wichtiger Faktor, um erfolgreich und produktiv zu sein. Uns hilft aber auch, dass die Logistik eine Querschnittsbranche ist und wir ein Produkt anbieten, das auch in Zukunft gebraucht wird. Wir bauen keine Verbrennungsmotoren (schmunzelt).

LTM: Zudem hat die Logistik zahlreiche Schnittstellen zur Politik und Gesellschaft, ein Umstand, der auch zur Konzeption und Gründung von LT-manager geführt hat. Eine Bevölkerung, die in die Ballungszentren drängt, verändert auch die Logistik. Wie reagieren Sie darauf?
Baur: Das Thema Konsumverhalten ist zentral für die Frage, was zukünftig ein Logistikzentrum können muss. Wie laufen künftig die Materialflüsse? Das bringt mich dazu, geschickt zu kommissionieren und die Zahl der Warenbewegungen zum Konsumenten möglichst zu reduzieren. Für Paketzustellung per Drohne wird in den Städten nicht genügend Platz am Himmel sein. Das brachte uns dazu, ein Konzept zu entwickeln, das Waren intelligent sortiert. Beispielsweise mit der Konzeptstudie QTainer. Das sind Standardschiffscontainer mit Logistikfunktionalität. Diese können wie Container aufeinandergestellt werden und bilden so beispielsweise auf einem Parkplatz eine Pickup-Station. Das ganze klein, flexibel und temporär. Das bringt die Logistik näher an den Konsumenten. Was aber definitiv nicht mehr gehen wird, ist, dass der Versand von Produkten weiterhin kostenfrei bleibt. Wenn man es hier schaffen würde, mit einem Bonussystem die Konsumenten dazu zu bringen, Pickup-Stationen zu benutzen, dann würde das der Logistik sehr helfen. Hier müssen sich aber sowohl die Kommune, die die Infrastruktur betreibt als auch der Versender verständigen. Das schaffen wir allein natürlich nicht.

LTM: Müssen Sie dazu demnächst einen Soziologen bei Swisslog einstellen?
Baur: Gute Frage - es geht jedenfalls um den stetigen Kontakt zu unseren Endkunden und darum diese zu verstehen. Wenn ein Kunde von uns kauft, muss er in uns einen adäquaten Gesprächspartner vorfinden.

LTM: Was haben Sie sich persönlich bis Ende des Jahres und was für 2020 vor­genommen?
Baur: Wir wollen nicht nur unsere Technologien, sondern auch unsere Organisation weiterentwickeln. Wir wollen noch schneller werden und auf den Kunden zugeschnittene Lösungen finden. Geschickter und schneller zu sein, darum geht es. 2020 wird sich unser Portfolio weiter vergrößern. Ich sehe uns erst am Anfang des Weges. Und wichtig ist, dass wir ein attrak­tiver Arbeitgeber bleiben und die gute Stimmung in der Organisation aufrechterhalten. Unsere Mitarbeitenden sind der Schlüssel zum Erfolg.

LTM: Das macht es für Manager wie für Journalisten gleichermaßen spannend. Sie entwickeln weiter, wir berichten drüber - vielen Dank für das Gespräch, Herr Baur!

Das Interview mit Christian Baur führte Martin Schrüfer. Die beiden trafen sich im Entwicklungs- und Technologie­zen­trum der Swisslog-Mutter KUKA in Augsburg. 

Zur Person:

Dr. Christian Baur ist seit Februar 2015 Chief Operating Officer (COO) der Swisslog-Gruppe und verantwortet in dieser Funktion unter anderem die Themen Operational Excellence, M&A, Qualität und Einkauf. Seit August 2015 steht er ­zudem als Chief Executive Officer (CEO) an der Spitze der Division Logistics Auto­mation (zuvor Warehouse & Distribution Solutions). Von 2013 bis zu seinem Eintritt in die Swisslog-Gruppe war er Leiter der Bereiche Unternehmensentwicklung und M&A bei der KUKA AG. Davor war Baur in leitenden Funktionen verschiedener Unternehmen tätig, unter anderem in der Management-Beratung. Dr. Christian Baur hat Maschinenwesen an der TU München studiert und an der Technischen Hochschule Karlsruhe promoviert.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Spürhund-Training bei Jungheinrich

Auf den Hund gekommen

Wenn man es in den Gängen des Ersatzteilzentrums von ­Jungheinrich im schleswig-holsteinischen Kaltenkirchen schnüffeln hört und plötzlich konzentrierte Vierbeiner durch die Räume schnellen, trainiert die Hundestaffel der Landespolizei für den...

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Newsletter bestellen

Immer auf dem Laufenden mit dem LT-manager NEWSLETTER

Aktuelle Unternehmensnachrichten, Produktnews und Innovationen kostenfrei in Ihrer Mailbox.

AGB und Datenschutz gelesen und bestätigt.
Zur Startseite