Aus LT-manager 1/2020

Effizienter verpacken

Unangemessen große Verpackungen ärgern Online-Einkäufer und Spediteure, die viel Luft durch die Lande fahren, gleichermaßen. Versender, die zufriedene Kunden wollen, sollten daher in Sachen Verpackungsstrategie im Kopf umparken.

Richard Nijboer, Vertriebschef bei Packaging by Quadient. © Packaging by Quadient

Manche schreien angeblich vor Glück, andere zücken das Handy und machen ein ­Foto. Menschen, die ein Paket nach ­einer Bestellung im Internet bekommen, ­reagieren mitunter ganz unterschiedlich. Zum Mobiltelefon gegriffen hat vor Kurzem eine Britin, als ihr der Paket­bote eine besondere Lieferung vors Haus stellte. Der Grund für ihr Foto­motiv war nicht der Paketinhalt, sondern die Verpackung: Die Eng­länderin hatte einen schlichten ­Gürtel bestellt, der jedoch in einem Paket kam, das fast so groß wie sie selbst war.

Ihr Cousin verbreitete das Foto mit dem Größenverhältnis umgehend auf Twitter mit der Bemerkung: „Könnte jemand von Amazon erklären, warum so viel Verpackung nötig ist, um einen Gürtel an meine Cousine zu senden? Wie viele Bäume mussten dafür leiden?“ Wenig später drehte dieser Tweet in den sozialen Netzwerken ausführlich seine Runden.

Volumen oft schlecht genutzt
Zugegeben: Dass ein Gürtel in einem Paket mit den Ausmaßen einer erwachsenen Frau ausgeliefert wird, ist ein Extremfall. Dass jedoch Verpackungen deutlich größer sind als der Inhalt, den sie schützen sollen, ist hierzulande eher die Regel als die Ausnahme. Schätzungen gehen davon aus, dass Pakete im Onlinehandel im Schnitt gerade mal zur Hälfte gefüllt sind. Stichproben des Fraunhofer Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) ergaben, dass auch Sendungen im heimischen Wohn­zimmer landen, die nur zu einem Fünftel voll sind. Der Rest: Füllmaterial. Martin Böhmer, ­Abteilungsleitung Informationslogistik und Assistenzsysteme, am Fraunhofer IML kann sogar von Ersatzteilen berichten, die gerade mal ein Prozent des Paketvolumens einnahmen. Große Pakete für kleine Produkte: Empfänger haben weder auf das ­Wühlen in geknülltem Papier noch auf die Entsorgung von hochwertigem Schaum Lust. Der Kunde wolle möglichst wenig Verpackungsmaterial, sagt Böhmer. Seine These untermauert auch die Statistik: Dem „Consumer Barometer Verpackung“ von KPMG zufolge wünschen sich 91 Prozent der befragten Verbraucher, dass Onlineversender ihre Versandverpackungen auf das Nötigste reduzieren.

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Produziert bis zu 1.100 maßgeschneiderte Transportkartons pro Stunde: die CVP Everest von Packaging by Quadient. © Packaging by Quadient

Doch der Wunsch aus dem Mund der Kunden gelangt offenbar nicht immer an das Ohr des Versenders. Statt sich Gedanken zu machen, wie die Verpackung in der Größe dem Produkt angepasst werden kann, setzen sie ­lieber auf günstige Kartons in ein paar Standardgrößen und kaufen – um noch mehr Einsparungen zu erzielen – diese in großen Stückzahlen ein. Ausgestopft werden die Transportverpackungen dann mit Füllmaterial. E-Commerce im 21. Jahrhundert funktioniert noch so wie im 20.: Es wird jede Menge Luft im Pakettransporter oder Lkw ­herumgekarrt.

Was sind die Alternativen? Modeanbieter aus dem Netz verweisen darauf, Bekleidung mitunter in Beuteln zu transportieren, die sich in den Lkw von DHL, DPD, Hermes & Co. ziemlich dicht aufeinander stapeln lassen. Weder im Beutel noch im Laster gibt es dann viel Luft. Doch Kunststoffbeutel sind in Sachen Klimaschutz auch nicht die ideale Verpackung. Und bei Schuhen oder Hüten greifen auch die Fashionanbieter nicht die Trickkiste, sondern: zum Pappkarton. Fakt ist auch: Im Onlinehandel mit Lebensmitteln werden bereits Mehrwegverpackungen eingesetzt. Kuriere händigen dem Kunden eine Box aus und nehmen diese anschließend gleich wieder mit. Doch der Lebensmittelonlinehandel ist nur eine Nische im gesamten E-Commerce-Aufkommen. Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft ­betrug der Anteil der Lebensmittel im gesamten Onlinehandel 2018 gerade mal zwei Prozent.

Die Pappe bleibt auch in Zukunft
Das Gros der Bestellungen aus dem ­Internet landet also in Pappver­packungen. Das ist auch nicht falsch, denn die Hüllen aus Wellpappe haben viele Vorteile: Die Pakete sind leicht, stabil und können einfach gefaltet werden. Daher gehen Experten davon aus, dass der Quader aus Pappe auch das Verpackungsmaterial der Zukunft sein wird. Zumal die Industrie mithilfe von Sturzversuchen die Belastbarkeit der Kartons kontinuierlich verbessert. ­Zudem entdecken immer mehr Händler die leicht bedruckbare Oberfläche für ihre Werbebotschaften. Was die Platzhirsche im Onlinegeschäft vormachen, setzt sich auch bei den kleineren Firmen durch.

Man kann also davon ausgehen, dass der jährliche Kartonberg hierzulande weiter rasant wächst. 2018 wurden in Deutschland laut dem ­Bundesverband Paket und Express­logistik (BIEK) rund 3,5 Milliarden ­Pakete transportiert. Prognosen gehen von 4,4 Milliarden im Jahr 2023 aus.

Die Statistik zeigt auch: Die Deutschen kaufen weiterhin mit wachsender Begeisterung im Netz ein. 2019 ­betrug das Bestellvolumen mit Waren im E-Commerce rund 72,6 Milliarden Euro. Das entspricht laut dem Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) einem Plus von 11,6 ­Prozent gegenüber dem Vorjahreswert von 65,1 Milliarden Euro. Noch mehr als das Gesamtvolumen sagt die Zahl der Pakete pro Kopf und Jahr aus.
Mit 24 bestellten Paketen pro Person und Kalenderjahr nimmt Deutschland laut einer Studie von McKinsey in Europa den Spitzenplatz ein – noch vor den onlineaffinen Shoppern aus Großbritannien, die auf 22 Lieferungen kommen. Noch deutlich mehr Pakete bekommen übrigens die Chinesen nach Hause geliefert: Dort sind es satte 70 pro Person und Jahr.

Große Paketberge bedeuten auch, dass sich Versender überlegen müssen,­ wie sie das Verpackungsportfolio so optimieren, dass es zum Sortiment passt. Wer als kleines Start-Up beginnt, kann ­zunächst Kartons in verschiedenen Größen vor­halten. Doch mit der Zahl der Aufträge steigt die Fläche für den ­Lagerplatz der Verpackung und des Füllmaterials. „Kartons in verschiedenen Größen empfehlen sich nur dann, wenn ein Unternehmen eine sehr überschaubare Anzahl verschieden ­großer Produkte verschickt“, betont Richard Nijboer, ­Director of Sales and Operations bei Packaging by Quadient. Das ­Unternehmen aus den Niederlanden produziert seit sieben Jahren automatisierte Verpackungslösungen. „Wer mit vielen unterschiedlichen Produktgrößen und -kombinationen ­konfrontiert ist, sollte auf Verpackungslösungen umsteigen, die für jedes Produkt oder jeden Warenkorb individuelle ­Kartons produzieren“, sagt Nijboer.

Return on Invest kann nach zwei Jahren gegeben sein
Ab wie vielen Paketen sich so eine automatisierte ­Lösung lohnt, die Versandkartons automatisch vermisst, schneidet, um die Waren faltet, klebt und ­etikettiert, kommt auf den jeweiligen Einzelfall an. Einen Return on ­Investment (ROI) von etwa zwei Jahren hat ­beispielsweise die Internet Fusion Group in Großbritannien ­berechnet. Das ­Unternehmen ist vor allem Skatern, Surfern und ­Motorsportlern für seine Lifestyle-­Bekleidung bekannt. Der Online-Spezialist hat in Kettering zwei Lösungen der CVP Impack-Reihe von Packaging by Quadient ­in­stalliert und produziert im Monat mehr als 50.000 Pakete für ­seine Kunden. Pro Stunde kann jede ­dieser Maschine bis zu 500 Kartons herstellen. Das Resultat: Dank der ­maß­geschneiderten Kartons kann das ­Unternehmen „in puncto Transportvolumen pro Jahr 92 ­Lkw-Ladungen ­einsparen“, rechnet Adam Hall vor. Der Engländer ist Head of Sustainability bei der Internet ­Fusion Group. Das schont die Umwelt – und die Firmenkasse, weil das ­Transportvolumen bei gleichem Durchsatz deutlich ­günstiger ist als früher. Zudem werden große Mengen ­Füll­material vermieden. Auch in anderen europäischen Ländern setzen Firmen auf die Lösung mit ­Endlos­wellpappe, die man auch mit einem Branding ­versehen kann. In der Schweiz ist es MyStore, in Deutschland KS Tools.

Mit so einer Maschine können nicht nur sehr kleine, sondern auch große Produkte – quasi vom Füllfeder­halter bis hin zu einem Reisetrolley – verpackt werden. Nur für extrem kleine Waren oder sperrige Produkte kommen ­Unternehmen nicht um vorgefertigte Kartons herum. Wer so eine Verpackungslösung im Einsatz hat, kann zwar beispielsweise im Fall der CVP Everest von Quadient, bis zu 1.100 Pakete pro Stunde individuell herstellen. Ist die Maschine jedoch defekt, geht im Verpackungsbereich nichts mehr. Deshalb investiert der Hersteller in den Bereich Support, bietet Fernwartung, Reports und Wartungs­pakete an. Zudem sind in allen Märkten ausgebildete Techniker vorhanden, um im Fall der Fälle schnell Abhilfe zu schaffen. Denn die Manager der großen Versender, die nicht liefern können, verlieren schnell die Geduld – und gehen mitunter in die Luft.

„Der Kunde erzeugt Druck“

© Packaging by Quadient

Richard Nijboer, Director of Sales and Operations bei Packaging by Quadient, erklärt, warum moderne Versender bei ihren Verpackungsstrategien neue Wege gehen.

LT-manager: Herr Nijboer, wann haben Sie zuletzt online eingekauft?
Richard Nijboer: Das ist noch gar nicht so lange her. Wer viel unterwegs ist und die Annehmlichkeiten von Online-Bestellungen schätzt, greift einfach zum Smartphone und spart sich viel Zeit im Vergleich zum Shopping im stationären Handel.

LTM: Wann haben Sie sich zuletzt über ein viel zu großes Paket für eine kleine Bestellung geärgert?
Nijboer: Das ist auch noch nicht so lange her. Mich wundert es, dass selbst große Versender mit einem Durchsatz von einigen Millionen Paketen pro Jahr noch auf drei oder vier Standard-Paketgrößen setzen und die Waren manuell von Lagermitarbeitern verpacken lassen. Als Verbraucher ärgert es mich regelmäßig, dass in meiner Lieferung jede Menge Luft und Verpackungsmaterial transportiert wurde.

LTM: Man könnte das auch einfach hinnehmen…
Nijboer: Noch machen das viele Verbraucher. Aber ich nicht. Aufgrund der Klimadiskussionen findet derzeit ein massives Umdenken statt. Nicht nur in der jungen Generation, ­sondern in meiner Altersklasse und der ­meiner Eltern. Ich bin mir sicher, dass künftig Verbraucher viel mehr als heute darauf achten, ob ihre Waren nachhaltig hergestellt, transportiert und verpackt wurden. Klar, es wird immer die geben, die das billigste Produkt wählen und sich sonst für nichts interessieren. Aber der große Vorteil des Internets ist, dass es Transparenz schafft. Kritische Verbraucher greifen zu dem Produkt, dass unter umweltgerechten Bedingungen produziert, kohlendioxid-neutral transportiert und ohne Luft verpackt wurde. Die Kunden erzeugen so durch einen einzigen Klick immensen Druck auf alle Beteiligten in der Lieferkette. Und das gilt nicht nur im B2C-Geschäft.

LTM: Wie meinen Sie das?
Nijboer: Auch im B2B-Bereich findet ein Umdenken statt. Immer mehr große Unternehmen legen ambitionierte Ziele in Sachen Klimaschutz fest. Und dann schauen sie sich an, wie die Lieferanten produzieren, verpacken und ihre Waren transportieren lassen. Wer will schon ein Ersatzteil für eine Maschine bekommen, das in einem viel zu großen Karton um die halbe Welt geschickt wurde. Das hinterlässt einen schlechten Eindruck.

LTM: Jeder gute Spediteur hat neue ­Fahrzeuge im Einsatz, optimiert seine Routen und vermeidet Leerfahrten…
Nijboer: Ja, klar sind moderne Tools im Einsatz. Aber so gut wie kein Spediteur kann behaupten, dass jeder Trailer zu jeder Zeit zu 100 Prozent gefüllt ist. Und gegen viel zu große Pakete für kleine Waren kann der Spediteur nichts machen. Es gibt Experten, die sagen, dass jede fünfte Lkw-Fahrt überflüssig wäre, wenn alle Supply Chain Partner optimal handeln würden. Unsere automatischen Verpackungs­lösungen für maßgeschneiderte Pakete haben zudem noch viele andere Vorteile für den Verbraucher – außer, dass keine Luft verpackt wird und nur in Ausnahmefällen Füllmaterial benötigt wird.

LTM: Wie lauten diese Vorteile?
Nijboer: Zum Beispiel die Vermeidung von Transportschäden. Passgenaue Pakete sind stabil – die Ware ist besser geschützt als in Standardpaketen.

LTM: Dafür müssen Versender für eine dieser Maschinen, die Pakete auto­matisch zuschneiden, verkleben und etikettieren aber auch einiges an Geld ­
in die Hand nehmen.
Nijboer: Ja, natürlich kostet so eine Hochleistungsmaschine, die bis zu 1.100 maßgeschneiderte Pakete pro Stunde produziert, auch Geld. Aber neben zufriedenen Kunden und einem Beitrag für den Umweltschutz gibt es noch entscheidende Vorteile für den Nutzer: Er spart pro Maschine Arbeitskosten für durchschnittlich 20 manuelle Packstationen. Und mindestens genauso wichtig: Die Liefertreue kann auch zur Hochsaison eingehalten werden. Allein in Deutschland macht das Weihnachtsgeschäft etwa 350 Millionen Sendungen aus. Letztlich hat jeder Supply Chain Manager im Bereich E-Commerce heute zwei riesige Probleme: den Arbeitskräftemangel und schwankende Nachfrage. Automatisierung ist eine der zentralen Lösungen. Große Versender haben die Herausforderung, dass sie beispielsweise zu Weihnachten oder Aktionstagen wie dem Black Friday kurzfristig jede Menge Mitarbeiter benötigen. Dafür Personal zu finden, ist sehr schwierig.

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