„Kein grünes Chichi“

Martin Schrüfer,

Logistik nutzt die Stellschrauben für mehr Nachhaltigkeit

„Das Thema Nachhaltigkeit ist gekommen, um zu bleiben“, sagte Thomas Fell, Geschäftsführer von GS1 Germany, zur Eröffnung des 26. Handelslogistik Kongresses, der am 18. und 19. August in Köln stattfand.

Thomas Fell (GS1 Germany), Thomas Wimmer (BVL) und Michael Gerling (EHI Retail Institute) eröffnen den Handelslogistikkongress 2020 – einer der ersten Wirtschaftskongresse, die seit dem März wieder als Präsenzveranstaltung stattgefunden haben. © EHI/Hauser

Dass das Thema Nachhaltigkeit in der Logistik einen hohen Stellenwert hat, verdeutlichten zahlreiche Referentinnen und Referenten aus Unternehmen des Wirtschaftsbereichs Logistik. Der Kongress wurde von der BVL, dem EHI Retail Institute, GS1 und dem Markenverband ausgetragen und war einer der ersten Wirtschaftskongresse, die nach dem Pandemie-bedingten Shutdown als Präsenzveranstaltung stattgefunden haben.

Logistik hat besonders in Hinblick auf ökologische Nachhaltigkeit kein gutes Image. In der Realität aber hat dieser Wirtschaftsbereich, der in besonderem Maße auf Effizienz ausgerichtet ist, Zugriff auf wichtige Stellschrauben – und nutzt diese auch. „Wir wollen kein grünes Chichi“, betonte beispielsweise Timothy Glaz, Leiter Corporate Affairs bei der Werner & Mertz GmbH. Er zeigte in seinem Vortrag, wie nachhaltige Verpackungskonzepte gestaltet werden können.


Von Recyclat bis Mehrwegverpackung: Industrie, Handel und Logistik denken um
Was wäre zum Beispiel, wenn man Produktverpackungen zum größtmöglichen Teil aus sogenannten Post-Consumer-Abfällen herstellt, wie sie sich im gelben Sack finden lassen? Dass das möglich ist, verdeutlicht Glaz am Beispiel der Verwendung von Recyclat, einem Granulat aus Kunststoffabfällen. Rein technisch sei es möglich, Verpackungen für Duschgel und Co. zu 100 Prozent aus Recyclat herzustellen. Es bleiben lediglich Mängel bei der Optik, die eine Weiterentwicklung des Verfahrens nötig machen. Zudem fordert Glaz von der Politik, die regulatorischen Hürden für die Verwendung von Altmaterialien zu senken. Regulatorisch schon geklärt und bereits im Umlauf ist dagegen das Mehrwegversandsystem der memo AG. Bereits seit 2009 optimiert der Anbieter nachhaltiger Produkte für Büro und Freizeit dieses System. Dabei erhält der Endkunde auf Wunsch eine wiederverwendbare Box als Verpackung für seine Bestellung. Diese führt er nach Entnahme des Inhalts wieder in den Kreislauf zurück. Um ökologisch besser als ein herkömmlicher Versandkarton abzuschneiden, muss eine solche Box 55 Mal im Umlauf sein.
Dass das Einsparen von Plastikverpackungen nicht nur ökologisch nachhaltig, sondern auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvoll ist, verdeutlicht Olaf Dechow von der Otto Group. Dabei verweist er unter anderem auf die ab dem 1. Januar 2021 geltende EU-Plastikabgabe.

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Von der mittleren bis zur letzten Meile: alternative Konzepte boomen
An den verschiedenen Stationen der Supply Chains sitzen Logistiker an vielen Stellschrauben für nachhaltigeres Wirtschaften – zum Beispiel auf der mittleren Meile in den Sortierzentren. Um die Auslastung der Transportfahrzeuge zu optimieren, die von dort auf die letzte Meile in die Städte und zum Endkunden geschickt werden, plädiert Andreas Marschner, Vice President EU Transportation Services bei Amazon, für Vorsortierung und gebündelte Lieferungen. Dadurch lassen sich mehrfache Transporte an nah aneinander liegende Ziele und somit auch der Verkehr in der Stadt und die CO2-Emissionen senken. Ein anderes Modell mit dem gleichen Ziel ist die Zustellung privater Paketsendungen an den Arbeitsplatz. So können Pakete gebündelt an eine Paketbox oder einen Paketkiosk am Arbeitsort geliefert werden, wo die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sie abholen, was außerdem die Belegschaft von einem Alltagsproblem entlastet. „Auf diese Weise können wir 6.000 Fahrten weniger am Tag erreichen“, sagt Björn Kleszczewski vom Düsseldorfer Unternehmen incharge. Wie so oft greifen Ökonomie und Ökologie ineinander, denn auf der letzten Meile entstehen über die Hälfte der Logistikkosten, wie Dr. Kai D. Kreisköther vom Aachener Start-up DroidDrive darlegte. „Aber gerade die urbane Logistik birgt noch viel Potenzial. Und es wäre schade, das nicht heben zu können“, betonte Prof. Dr. Wolfgang Stölzle von der Universität St. Gallen.


Gemeinsam zu mehr Nachhaltigkeit
„Nachhaltigkeit ist machbar, wenn man sich dem Thema intensiv verschreibt“, nahm Marschner von Amazon den Skeptikern den Wind aus den Segeln. Allerdings, so räumt er ein, ist Nachhaltigkeit auch ein Prozess, der nicht von heute auf morgen optimiert werden kann und der – gerade betriebswirtschaftlich – einige Zeit benötigen kann, um lukrativ zu sein. Um erfolgreich nachhaltiger werden zu können, ist es wichtig, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, und vor allem zusammenzuarbeiten. Kooperationen wie beispielsweise zwischen Logistikern und Verpackungsherstellern oder Herstellern und KEP-Dienstleistern, eröffnen neue, zusätzliche Möglichkeiten.

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