Aus LT-manager 3-4/2019

Mit der Abrissbirne in die Datensilos

Unwissenheit oder die Angst, sich in der Supply Chain umfangreich digital aufzustellen und verkrustete Prozesse anzugehen: Das sind nur zwei Gründe, warum speziell Mittelständler von Software für die Supply ­Chain die Finger lassen. Doch die Plattform des Start-Ups Limbiq, ein Spin-Off des IT-Hauses Setlog, ebnet für Firmen einen neuen Weg.

"Excel-Tabellen verstärken den ­Aufbau von Silos und schaffen ­Medienbrüche,“so Ralf Düster, Geschäftsführer Setlog. © Simon Bierwald

München, transport logistic 2019, Halle B5. Am zweiten Tag der internationalen Logistikmesse scharen sich am Gemeinschaftsstand des Landes Nordrhein-Westfalen Journalisten um einen Mann, der vor einem Flatscreen so engagiert gestikuliert, dass er immer wieder seine Brille ein Stück auf die Nase zurückschieben muss. Der Anlass: Erstmal stellt das Start-Up Limbiq, ein 2018 gegründetes Spin-Off des Bochumer SCM-Softwarehauses Setlog, die erste Funktion seiner neuen cloud­basierten Plattform vor: Purchase Order Tracking. Der Mann mit der Brille: ­Guido Brackelsberg, Geschäftsführer der limbiq GmbH.

Dass Brackelsberg nicht, wie andere Gründer in der Logistik, frisch von der Universität kommt, sieht man ihm an. Kein Bart, keine Turnschuhe, keine Story aus dem Hipster-Nachtleben. Mit Anzughose und weißem Hemd strahlt der Mann aus dem Ruhrpott eher Bodenständigkeit aus. Er muss den Journalisten nicht erzählen, dass er seit Juli 2001 als einer der Geschäftsführer von Setlog Dutzende von Chefs großer Unternehmen davon überzeugt hat, künftig die SCM-Software OSCA zu nutzen. Brackelsberg muss auch die Setlog-Firmenhistorie nicht herunterbeten. Man hört seine Erfahrung unterschwellig aus seinen Sätzen heraus. Was den Endvierziger mit der gründungsfreudigen Jugend jedoch eint, ist die hundertprozentige Überzeugung von einer Idee. Und das unermüdliche Trommeln dafür.

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B2B-Tools in nutzerfreundlich
Um den Journalisten die Idee hinter der Netzwerkplattform Limbiq zu erläutern, erzählt Brackelsberg erst einmal, wie er tickt. Dafür reichen ihm drei simple Skizzen: Eine zeigt Google mit seiner einfachen Suchfunktion, die andere ein Apple-Produkt mit einer Touchfunktion. Die dritte hingegen soll eine aktuelle Software aus dem B2B-Bereich widerspiegeln - kleinteilig, unübersichtlich, komplex. „Warum muss man im B2B-Bereich immer noch mit solchen nutzerunfreundlichen Tools arbeiten? Aus dem B2C-Bereich sind doch alle längst mit sich selbsterklärenden Anwendungen vertraut“, betont Brackelsberg.

Im Prinzip nimmt der Mann aus dem Revier schon in diesem Satz die wichtigsten Anforderungen vorweg, die er und sein Team formuliert haben, ehe sie die neue, cloudbasierte Plattform für Supply Chain Management ent­wickelten. Sein Credo: Mithilfe standardisierter Prozesse müssen alle Funktionen leicht zu bedienen und schnell zu nutzen sein. Kein Schnickschack. Und preiswert muss die Plattform auch sein. Quasi eine Supply Chain Software für jedermann, die zum Ziel hat, nach dem Plug-&-Play-Prinzip zu funktionieren und die Komplexität in der Supply Chain einfach verschwinden lässt.

Klingt einfach, ist es aber nicht. Ehe Brackelsberg auf einem Monitor ­demonstriert, wie unkompliziert die erste Funktion der Plattform für einen Mittelständler zu bedienen ist und wie Lieferanten und Hersteller aus der Industrie ihre Ware entlang der Wertschöpfungskette in Echtzeit via Internet verfolgen können, erläutert er, warum im 21. Jahrhundert eine Supply Chain Software für große Konzerne so selbstverständlich ist wie ein Telefon.

Excellisten ade: Wunsch nach mehr Transparenz
Beispiel Bekleidungsindustrie: Die meisten bekannten Marken in Europa lassen ihre Kleidungsstücke entweder ganz in asiatischen Billiglohnländern fertigen oder veredeln das weitgereiste Produkt lediglich in irgendeinem ­europäischen Land mit günstigen Lohnniveau. Auf dem Weg der Ware vom Zulieferer bis zum Kunden sind typischerweise Bookingagenten und Transporteure involviert. Von der Produktbestellung über die Bestätigung und den Transport sind bis zu 19 Kommunikationsvorgänge nötig – falls nichts schiefläuft. Ein Großteil der Firmen versucht immer noch, diese Prozesse mithilfe ausgeklügelter Excel­listen und E-Mails zu lenken oder greifen zum Telefonhörer, wenn es brennt.
Früher oder später bereitet so ein Vorgehen aber allen Beteiligten Bauchschmerzen: Hersteller und Importeure klagen über Medienbrüche, die permanente Angst vor der nächsten, unerwarteten Verzugsmeldung oder teure Synchronisierungen mit dem ERP-System. Die Zulieferer und Transporteure leiden unter Intransparenz, Zeitdruck und zusätzlicher Arbeit, um die individuellen Kundenwünsche zu erfüllen. Das heißt: Im Grunde wünschen sich alle Akteure in der Kette mehr Trans­parenz und Kontrolle, ein Frühwarnsystem, einfache, schnelle Kommunikation und nur ein einziges Tool zum Austausch von Dokumenten.

"Warum muss man im B2B-Bereich immer noch mit nutzer-unfreundlichen Tools arbeiten?“ Guido Brackelsberg, Geschäftsführer Limbiq © Limbiq

Bei 150 Marken im Einsatz
Erfahrene Unternehmen setzen daher auf eine SCM-Software. Um so eine Lösung auf den Markt zu bringen, haben Guido Brackelsberg, Jakob Gielen und Ralf Düster Setlog gegründet. 18 Jahre ist das her. Im Laufe der Zeit wurde die Software OSCA so weiterentwickelt, dass kundenspezifische Programmierungen so gut wie jede Kundenanforderung lösen können. Wer in der Textilindustrie oder anderen Branchen etwas auf seine Logistik hält, ist Kunde. Insgesamt ist die Software „made in Bochum“ inzwischen bei mehr als 150 Marken aus den Bereichen Bekleidung, Elektronik, Nahrungsmittel, Konsumgüter und Hardware im Einsatz, darunter Firmen wie Tom Tailor oder Zalando.

Für Ralf Düster, den Vorstands­kollegen von Brackelsberg in der Setlog Holding AG, hat es sich ausgezahlt, dass er seit Jahren von Konferenz zu Konferenz eilt und unermüdlich predigt, dass Firmen mehr Transparenz in ihre Supply Chain bringen müssen – und besser die Finger von Excel lassen sollen. „Bei jeder Führungskraft sollten die Alarmglocken schrillen, wenn Mitarbeiter mit Excellisten winken und mit Daten aus ihren Silos den Status Quo im Supply Chain Management erklären wollen“, betont Düster. „Diese Tabellen verstärken den Aufbau von Silos und schaffen Medienbrüche sowie Dateninkonsistenzen. Weil die Listen weder optimal abteilungsübergreifend, geschweige denn firmenübergreifend, genutzt werden können, führt das zu Widersprüchlichkeiten von Aussagen.“

Wer an Düsters Aussagen zweifelt, dem dekliniert der Setlog-Vorstand mit einer Dekade Erfahrung als Supply-Chain-Experte bei einem Fashion-­Unternehmen, jeden Fall bis ins kleinste Detail durch. So hat er es bei Dutzenden Usern schon gemacht. Inzwischen arbeiten täglich 40.000 Nutzer in 92 Ländern mit OSCA. Pro Jahr werden mehr als 500.000 Aufträge und 100.000 Sendungen über die Software abgewickelt. Warum trommelt dann Guido Brackelsberg für Limbiq auf der transport logistic? „Ganz einfach“, erklärt der Bochumer: „Weil sich nicht für jeden eine kundenspezifische Lösung wie OSCA rentiert. In vielen Fällen sind keine umfassenden Tools oder Sonderlocken nötig.“

Großes Kundenpotenzial bei Speditionen und Transporteuren
Individuelle Lösungen – damit sind immer Kosten verbunden. Und Kosten sind in der Tat ein Thema – vor allem für Mittelständler, die in Deutschland 80 Prozent aller Unternehmen ausmachen. Daher setzt Limbiq auf einen Einstiegspreis für Importeure unter 125 Euro pro Monat. Weil nicht nur Hersteller und deren Lieferanten von der Software-as-a-Service (SaaS) profitieren können, sondern auch Spediteure, ist das Kundenpotenzial groß. „Alleine in Nordrhein-Westfalen haben wir 11.000 registrierte Speditionen oder Transporteure, 99 Prozent von ihnen setzen in ihrer Kundenkommunikation immer noch auf E-Mail und Excel“, rechnet Brackelsberg vor. „Kunden wünschen sich aber zunehmend ein modernes, einfaches Portal zur Interaktion. Und genau hier punkten digitale Speditionen wie Flexport und Co. Mit Limbiq schaffen wir neutrale Alternativen für die traditionelle Industrie.“

Gutes Feedback: Einfacher und schneller Einstieg
Fünf Logistikdienstleister haben die brandneue Plattform mit der Funktion Purchase Order Management auf Herz und Nieren getestet. Vom Feedback ist Brackelsberg „sehr erfreut“. Besonders der unkomplizierte Einstieg – der Anschluss ans ERP-System oder an das TMS-System eines Spediteurs dauert keinen Tag – sowie die einfache Darstellung der Lieferkette nennen die Kunden als Vorteile des Systems. Wer in das Tool blickt, sieht sofort: Die Darstellung unterscheidet sich im Grunde nicht viel von der eines Pakets, das man per Smartphone auf den Plattformen von DHL, UPS oder Hermes verfolgen kann.

Zusätzlich gibt es aber noch andere Vorteile von Limbiq wie Workflow- und Dokumentenmanagement. Im nächsten Schritt werden Reporting- und Analysefunk­tionen angeboten. Nach den Gesprächen mit den Journalisten haben sich Experten von ­Logistikdienstleistern angekündigt, um sich die Plattform auf der Messe er­klären zu lassen. Noch ist der Name Limbiq nur wenigen ein Begriff. Aber Brackelsberg und Düster arbeiten ­daran, die Botschaft zu verbreiten, dass sich hinter dem Namen Limbiq mehr als 18 Jahre Know-how von Setlog verbergen. Beiden steht quasi auf die kahle Stirn geschrieben: „Schaut her, es ist ein Platzhirsch aus dem Bereich SCM-Software, der mit einem Spin-Off aus dem Ruhrpott im Zeitalter der Plattform-Ökonomie von sich reden macht. Es ist keine Hipster-Softwarebude aus Berlin und auch kein IT-Riese aus dem Silicon Valley.“

In weniger als 30 Minuten hat Brackelsberg den Journalisten die Funktionsweise von Supply Chains erläutert, Limbiq im Detail erklärt und über die kommenden Funktionen – etwa im Bereich Zoll – laut nachgedacht. Der nächste Termin steht an. Viel Zeit zum Entspannen gönnt sich der Mann, der dauernd auf Adrenalin ist, nicht. Mehr als 60.000 Besucher erwartet die Messe. Brackelsberg zieht weiter – zum Trommeln für Limbiq. Thilo Jörgl

Über Setlog
Die Setlog Holding ist ein Anbieter von Supply Chain Management (SCM)-Lösungen. Zentrales Produkt ist die cloudbasierte SCM-Software OSCA, die bei über 150 Marken in den Bereichen Bekleidung, Elektronik, Nahrungsmittel, Konsumgüter und Hardware im Einsatz ist. Die Setlog GmbH ist eine 100-prozentige Tochter der Setlog Holding AG. Das Unternehmen wurde 2001 gegründet zählt heute mit über 45.000 Nutzern in 92 Ländern zu den führenden Anbietern von SCM-Software. Das Softwarehaus beschäftigt 60 Mitarbeiter an den Standorten Bochum (Sitz), Köln und New York.

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