Strategie: Topberater Karl-Heinz Land

Erde 5.0 und die Rolle der Logistik

Die fünfte industrielle Revolution trifft die Logistikbranche ins Mark. Schneller als andere Wirtschaftszweige wird sie weltweit autonome Leistungsnetze ausbilden, in denen der Mensch weder als Manager, Disponent oder Transporteur eine Rolle spielt.

Visionär: Karl-Heinz Land definiert das Thema Erde 5.0 auch für Logistiker © Nathan Ishar

Stoisch widersetzen sich nach wie vor viele Unternehmen der Digitalisierung. Nach wie vor glaubt die Hälfte der Verkehrs- und Logistikanbieter, dass Digitalisierung in ihrem Hause nicht notwendig sei. Die Zauderer unterschätzen die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts. Längst entfalten zentrale Technologien wie Künstliche Intelligenz und Blockchain, Robotik und der 3D-Druck im „Internet der Dinge“ ein effizientes Zusammenspiel, das direkt in die fünfte industrielle Revolution führt: Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert. Was vernetzt werden kann, wird vernetzt. Was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Doch damit nicht genug: Die nahe Zukunft gehört autonom agierenden, sich selbst optimierenden digitalen Systemen. Der Mensch stört in deren Prozessen nur.

Exponentielle Beschleunigung
Wer glaubt, in aller Ruhe auf die Digitalisierung antworten zu können, hat eines nicht verstanden: Wir leben in einer Zeitschmelze. Nie wieder wird die Digitalisierung so langsam sein wie heute. Die Digitalisierung setzt zu Leistungssprüngen an, die zu kühnsten Erwartungen einladen. Treiber dieser Transformation ist die Kraft der Exponentialität. IT-Experten wissen im Prinzip seit 1965, dass dieser Sprung ins schier Unvorstellbare bevorsteht. Damals formulierte der Informatiker Gordon Earle Moore, einer der Gründe von Intel, eine Prognose, die seither als „Moores Gesetz“ bekannt ist. Vereinfacht gesagt: Die Rechenleistung der Computer verdoppelt sich im Zwei-Jahres-Rhythmus. Was Moore damals beschrieben hat, erkennen Mathematiker sofort als eine exponentielle Funktion. Bei dieser laufenden Verdopplung erreicht die Leistungskurve der IT erst nach Jahrzehnten sanften Anstiegs irgendwann den Punkt, an dem der Graph steil und fast senkrecht in die Höhe schießt. Dieser Zeitpunkt ist jetzt: Langsames Wachstum schlägt in eine Leistungsexplosion um. Dieses Phänomen erklärt, warum seit 2010 eine Vielzahl digitaler Techno-logien fast gleichzeitig marktreif geworden sind. Es reicht also nicht mehr, die Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben, wie Politiker und Unternehmer es gewohnt sind. Exponentiell zu denken heißt, das Unmögliche in die Betrachtung einzubeziehen, Unberechenbarkeit als Prinzip zu akzeptieren und es immer für möglich zu halten, dass Innovationen auf einen Schlag einen Markt komplett verändern können.

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Trend zur autonomen Logistik
Die Logistik ist eine der ersten Branchen, die sowohl voll automatisiert als auch autonomisiert wird. Autonom fahrende Lkw, die weltweit bereits ausgiebig getestet werden, sind nur der erste Schritt. Auf die selbstständigen Brummis folgen autonome Schiffe und Frachtflugzeuge. Künftig werden Produkte und Verpackungen nicht nur per Funk und RFID-Chip mit der Umwelt und mit der Cloud verbunden sein, sondern auch über Intelligenz verfügen. Sie steuern sich selbst und navigieren sich durch die Stationen ihres Frachtweges. Eine Lieferung von Fernost nach Hamburg-Fuhlsbüttel spielt sich in Zukunft so ab:

– Die Sendung plant ihre Route selbstständig, bucht sich zum Beispiel im Überseehafen von Tianjin in einen Container und auf ein Schiff ein, das es zum günstigsten Preis-Leistungsverhältnis nach Hamburg befördert. Sollte es sich um kritische Ware handeln, etwa Lebensmittel, Chemikalien oder Medikamente, wird das Produkt diese Parameter in seine Entscheidung einfließen lassen. Natürlich wählt die Lieferung sich dann nur Transportmittel aus, die seinen Ansprüchen an konstanter Temperatur oder Luftfeuchtigkeit entsprechen. Es wird ständig Daten über seinen Zustand in die Cloud senden. Sollte die Kühlkette unterbrochen werden, erfahren es der Produzent und der Abnehmer sofort.

– Das Schiff wird seinen Weg über die Meere künftig ebenfalls autonom finden. Das ist keine gespenstische Vorstellung, sondern eine rational begründbare. Die größte Fehlerquelle in der Seefahrt ist der Mensch. Und: Nichts ist im Schiffsbau so teuer, wie die Aufbauten, in denen die Seeleute logieren und arbeiten.

– In Hamburg angekommen, findet das Produkt seinen Weg durch den – heute schon

– vollautomatisierten Containerterminal. Er ist ohnehin nach dem Prinzip der chaotischen Lagerhaltung organisiert; nur noch die Maschinen wissen, wo sich welcher Container befindet. Die Sendung aus Fernost checkt sich automatisch beim Zoll ein, wird von Robotern überprüft und dann einem automatisierten Lieferdienst übergeben, der es an der Haustür des Empfängers abgibt.

– Vielleicht muss dieses Produkt aber in Hamburg erst noch gemäß den individuellen Wünschen des Bestellers angepasst werden. In diesem Fall navigiert sich dann die Sendung mit autonomen Fahrzeugen in eine Fabrik, setzt dort automatisch die Maschinen in Gang, vielleicht einen 3D-Drucker, und begibt sich in überarbeiteter Version weiter auf den Weg zu ihrem Empfänger...

Bei diesem Beispiel handelt es sich noch um Fiktion, aber keinesfalls um Science-Fiction. Die Technologien für solche Prozesse sind bereits vorhanden. In den kommenden Jahren geht es darum, ihre Leistungsfähigkeit weiter zu steigern, ihr Zusammenspiel zu koordinieren und den Sicherheitsgrad zu erhöhen. Die vielen Mitarbeiter, Disponenten von Reedereien oder Speditionen, spielen keine Rolle mehr. Sie würden den vollautomatisierten Prozess mit ihrer Langsamkeit und Unsicherheit lediglich stören. Die Lieferung kommt autark schneller und günstiger ans Ziel. Das System aus Sensoren, Funk, Cloudspeicher und intelligenten Geräten macht es möglich. Doch damit nicht genug: Digitalisierung ist wie ein Dominospiel. Ein Stein stößt den nächsten an. Sobald ein Unternehmen automatisiert, will es auch nur noch mit automatisierten Systemen zusammenarbeiten. Die Aktienbörsen zeigen beispielhaft, wohin die Reise geht: Die Broker, die früher das Parkett, den Handelssaal füllten, gibt es schon lange nicht mehr. Eine Aktie wird heutzutage von Computern tausendmal pro Sekunde gehandelt; bei diesem Tempo kann niemand mithalten; der Mensch stört in solchen voll­automatisierten Prozessen. In Zukunft werden die meisten Preise für Dienstleistungen wie der Kurs einer Aktie ausgehandelt. Genauso werden Frachtraten künftig in Millisekunden zwischen zwei selbstfahrenden Lkw oder auf speziellen Plattformen so austariert, dass für die jeweiligen Partner ein optimaler und akzeptabler Preis erreicht wird. Wer in diesen automatisierten Wertschöpfungsnetzen nicht mitspielen kann, bekommt zuerst nur noch zweit- und drittklassige Aufträge, muss Dumpingpreise einräumen und fällt nach kurzer Zeit aus dem Markt. Digitalisierung erzwingt Digitalisierung. Alle Prozesse werden durchoptimiert und automatisiert, End-to-End, vom Anbieter bis zum Endverbraucher.

Eine einschneidende Entwicklung für das Logistik- und Transportwesen ist zudem die Dematerialisierung, ein verkannter Megatrend, der bereits weitreichende Auswirkungen in vielen Branchen gezeitigt hat. Es geht um das Verschwinden der Dinge, oder, wie es der Internetpionier Marc Andreessen formuliert hat: „Software is eating the world.“ Physische Produkte verwandeln sich in Software und Apps. Man muss nur auf sein Smartphone schauen, um die Wucht der Dematerialisierung zu verstehen. Radio, Taschenrechner, Fotoapparat, Musikanlage, Adressbuch, Wecker, Kompass, Navigationsgerät und so weiter – alles im wahrsten Sinne des Wortes in einer Hand. Wenn Autos künftig per App statt mit einem Schlüssel geöffnet werden, verschwindet auch all das, was zur Produktion notwendig war: Fabriken, Maschinen, Anlagen sowie die Arbeitsplätze in Entwicklung, Produktion, in Marketing, Vertrieb und Management.

Dematerialisierung ­— Warum Software die Welt verspeist
Das ist die Kehrseite der neuen digitalen Welt: Software, Services und Daten reißen ganze Wirtschaftszweige ein: Unternehmen fallen aus dem Markt, weil ihre Geschäftsführer nicht verstanden haben, welche Transformation gerade stattfindet. Das Zusammenspiel mit dem „Internet der Dinge“, datenbasierten Geschäftsmodelle, Künstliche Intelligenz und der Blockchain sorgt auch dafür, dass Menschen Besitz nicht mehr als wesentlich betrachten. Der Wohlstandsbegriff verändert sich. Teilen ist das neue Haben, die Sharing Economy avanciert zur vorherrschenden Form des Konsums. Netzwerke treten an die Stelle der Märkte. Viele erfolg­reiche Modelle der Sharing Economy basieren auf Plattformen, die nur die Vermittlung als Dienst anbieten: Uber besitzt kein Fahrzeug, Airbnb hat kein einziges Hotelbett. Und doch verfügen diese Start-ups über die Energie, Branchen vollends durcheinanderzuwirbeln. Auch die Logistik. Dafür verantwortlich ist der 3D-Druck, dem optimistische Prognosen ein Marktvolumen von über 400 Milliarden US-Dollar prophezeien. 3D-Druck ist für vernetztes und verteiltes Arbeiten bestens geeignet ist. Künftig werden keine Produkte mehr um die Welt geschickt, sondern nur noch ­Datensätze. Sie werden in dezentralen 3D-Druckzentren „gedruckt“, das heißt, das Produkt entsteht nahe am Konsumenten oder an der Fabrik, in der es weiterverarbeitet wird. Der Logistikdienst­leister DHL hat solche „3D-Druck-Hubs“ bereits getestet. Die Vorteile liegen auf der Hand: Produkte können höchst individuell und on-demand hergestellt werden. Der Transport über lange Distanzen und die Lagerhaltung entfallen, Verkehrswege und Umwelt werden entlastet.

Erde 5.0 erobern
In dieser neuen Infrastruktur des Wohlstands müssen sich die Unternehmen der Logistik- und Transportbranche neu aufstellen. Sie sind aufgefordert, den Trend zu autonomen Systemen, die Dematerialisierung und die Auswirkungen der Sharing Economy in neue, vollständig digitale Geschäftsmodelle zu integrieren. Das neue Spiel wird nicht über Lkws, Schiffe oder Logistikzentren entschieden, sondern über Software und Services. Sie bestimmen den Mehrwert für den Kunden, in ihnen liegt die Wertschöpfung der Zukunft. Die Unternehmen müssen aber auch über ihren Tellerrand blicken und den Sinn ihrer Arbeit hinterfragen. Auf einer Erde 5.0, die von Hunger und Armut, von Klimawandel und Ressourcenvergeudung sowie von Ungleichheit und sozialer Instabilität geprägt ist, dürfen sich die Unternehmen ihrer Verantwortung nicht entziehen. Es geht letztlich um die gerechte Neuverteilung der Welt. Und Distribution – das sollte auch in der fünften industriellen Re­volution die Kernkompetenz gewiefter Logistiker sein.

Karl-Heinz Lands „Erde 5.0: Die Zukunft provozieren“ ist am 1. August bei Future Vision Press als Taschenbuch und eBook erschienen und kostet 28,90 Euro (Print). ISBN: 978-3-9817268-4-8

Über den Autor:
Karl-Heinz Land ist Autor, Redner und Investor. Sein Herzensthema – die Digitalisierung – erlebt und gestaltet er seit über 35 Jahren, unter anderem in Führungs­positionen bei international operierenden Unternehmen wie Oracle, BusinessObjects (SAP) und Microstrategy. Mit neuland hat er 2014 eine Digital- und Strategieberatung ins Leben gerufen, die laut Ranking der Zeitschrift „brandeins“ wiederholt zu den besten Deutschlands zählt. Er setzt auf innovative Technologien wie die Blockchain und das Internet der Dinge. Das World Economic Forum (WEF) und das „Time
Magazine“ zeichneten Land bereits 2006 mit dem „Technology Pioneer Award“ aus.

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