zurück zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Digitalisierung

Wunsch, Wirklichkeit und leise Verzweiflung

Mit einem Schmunzeln nimmt der Berater, Speaker und Digitalexperte Ömer Atiker für LT-manager die Digtalen Vorsätze für 2019 auf’s Korn. Kurz gesagt: Was können wir tun, dass es diesmal aber wirklich jetzt mal besser klappt?

Digitalexperte Ömer Atiker © CampusVerlag

Und, sind Sie gut ins neue Jahr gekommen? Von den Feier­tagen erholt? Jetzt ist die Zeit, in der man sich den Bauch anschaut, die Gelage der Feiertage leicht bereut (aber lecker war’s schon, oder?) und gute Vorsätze trifft. Weniger Essen, mehr Sport, mehr Zeit mit der Familie. Und digitalisiert wird jetzt auch! Aber hallo!

Verzeihen Sie mir die Skepsis, aber waren das nicht schon die Vorsätze fürs letzte Jahr und das davor? So wie es kaum auffällt, wenn die Neujahrs­ansprache vom letzten Mal ist, so sind auch die Vorsätze immer die gleichen. Geschafft hat man trotz aller Absicht und Beteuerung nicht viel. Schade, oder? Woran liegt das? Und was können wir tun, damit es dieses Jahr besser klappt? Nun, mit Ihrem Bauch kann ich Ihnen nicht helfen. Aber über das Digitale, da sollten wir mal plaudern.

Wasisndas?
Was ist mit digitaler Transformation überhaut gemeint? Der eine denkt an Apps und Social Media, der nächste an KI und Blockchain, der dritte an Terminator und Big Brother. Irgendwie haben die ja alle Recht. Jemand sagte mal, und das finde ich passend, dass Digitalisierung für Erwachsene ein Thema ist wie Sex für Teenager. Alle reden drüber, aber keiner weiß, wie es gemacht wird. Also theoretisch schon, aber im Alltag? Und weil alle darüber reden, sagt auch jeder, den Sie fragen, dass er ganz doll digitalisiert. Morgens! Mittags! Und ­jeden Abend zweimal! Ja, klar. Was dann tatsächlich passiert ist – nun, ­etwas weniger beeindruckend.

Anzeige
Erfolgsautor Ömer Atiker nennt es formell den Digital Circle, „aber wenn wir unter uns sind, ist Spiegelei viel besser zu merken“. © Ömer Atiker

Hand aufs Herz: Haben Sie letzte Woche digital transformiert? Eben. Wer tut das denn? Da haben wir ja schon die Parallele zum Sport und zur gesunden Ernährung. Das meiste findet „morgen“ statt, nicht heute. Aber es fängt ja schon damit an, dass keiner weiß, was genau damit gemeint ist. Sprich: Was digitalisieren Sie eigentlich? Und wozu? Fangen wir mit den Grundlagen an. Digitale Transformation von Unternehmen – das bedeutet, dass wir die digitalen Chancen und Möglichkeiten nutzen, um mehr Wert zu liefern. Und dass wir dafür unsere Organisation ­verändern und möglicherweise komplett auf den Kopf stellen müssen. Digital ist also kein Selbstzweck, der Fokus sollte immer auf dem Kunden und ­dessen ­Gefühl von Wert liegen.

Bäume im Wald und die Frage nach dem Wert
Das mit dem Wert ist schon mal ein ­guter Ansatz. Wo soll ich auch sonst anfangen? Kleines Logik-Rätsel: 1. Der Kunde bestimmt, was Ihr Angebot wert ist. 2. Sie digitalisieren, aber irgendwas Internes, wovon der Kunde nichts ­mitkriegt. Preisfrage: Hat ihr Projekt dann einen Wert? Das ist wie die alte philosophische Frage: Wenn im Wald ein Baum umfällt und keiner da ist, der es hört – macht es dann ein Geräusch? (Was Solipsismus und Filterblase damit zu tun haben, das klären wir dann ein anderes Mal, bei einer Flasche Rotwein.)
Doch die Frage ist berechtigt. Ich denke, dass viel zu viele Firmen drei Fehler begehen:

• Man macht „digital“, weil es gerade schick ist.
• Man klebt auf alle Computerprojekte einfach das Label „Transformation“, dann ist man ohne Aufwand schon ganz weit vorne.
• Und um den Rest der Digitalisierung kümmert sich die IT.
Kann man machen. Ist aber doof. Die ersten beiden Punkte sind Augenwischerei, das ist kindisch. Und der dritte Punkt ist einfach falsch.

Ah, die Rolle der IT!
Ja, aber die IT ist doch schon seit Jahrzehnten digital. Warum sollen die das denn nicht machen? Naja, die IT hat sicher Besseres zu tun. Nein, ernsthaft. Die müssen die Systeme am Laufen ­halten, das ist anstrengend genug. Und es ist ein undankbarer Job. Wenn es läuft, dann interessiert es niemanden. Und wenn es nicht läuft, kommen alle angerannt und beschimpfen einen. Ganz zu Recht ist das Motto der IT „Never Change a Running System“. Nur ist das jetzt nicht gerade der Weckruf der Innovation (eher Mikado – wer sich zuerst bewegt, verliert). Von der IT zu erwarten, dass sie neue Produkt­konzepte erfindet, an den Markt bringt und nebenbei auch die Organisation umkrempelt (denn genau das bedeutet ja „Transformation“), das ist wirklich zu viel verlangt.

Also noch mal: Transformation, Wert und Spiegelei
Die Idee, Transformation beim Kunden und am Wert zu beginnen, ist gar nicht schlecht. Vor allem sollten wir dabei weiter denken als nur bis zum Tellerrand, bis zu Tischkante oder Nachbars Schreibtisch. Dazu gibt es ein wunderbares Denkwerkzeug, das digitale S­piegelei. Na, formell nenne ich es den Digital Circle, aber wenn wir unter uns sind, ist „Spiegelei“ viel besser zu ­merken. So ein Digital Circle hat einen Kern. Das ist das, was wir heute machen. Drumherum ist der erste Kreis, das sind die Verbesserungen. Das ist, was wir schon immer hervorragend konnten: Optimieren bis auf Sekunde und Gramm genau. Das treiben die großen Internetfirmen bis zum Exzess. Wie lange brauchen Sie für ein Software-Update bei sich im Unternehmen? Und wie viele Tests machen Sie so? Und jetzt schätzen Sie mal, wie oft eine (noch immer ziemlich hässliche) Website wie die von Amazon geupdatet wird. Ich meine, die sieht fast genauso aus wie vor zehn oder 20 Jahren. Na, wie oft?

Nun, Amazon macht im Jahr etwa 50 Millionen Deployments, also Live-Schaltungen angepasster Software. Das ist ein Update pro Sekunde! Die hässliche Seite wird von rund 100 verschiedenen Prozessen aufgebaut, die alle ein winziges Detail beitragen. Jeder ­Prozess wird bis zum Anschlag optimiert. Waren Sie schon auf Facebook? Je nach Quelle gibt es zu jeder Zeit zwischen 1.000 und 10.000 verschiedene Versionen von „Facebook“, je nach Nutzer, Ort, Gerät und so weiter. Ach ja, wie war das bei Ihnen, wie oft machen Sie Updates? Und wie viele Tests laufen bei Ihnen? Also selbst auf unserem ureigenen Gebiet, dem Perfektionismus, sind andere noch viel zwanghafter als wir.

Hinter dem Horizont
Spannender wird es aber jenseits des inneren Kreises. Der zweite Kreis, das sind die Erweiterungen. Da kombinieren Sie Produkte und Dienstleistungen zu neuen Möglichkeiten. Das wäre zu Beispiel der Amazon-Dash-Button oder das Kindle-eBook. So etwas passiert, wenn man die Welt des Kunden versteht und weiter denkt. Denn ich will ja gar nicht in diesen Webshop gehen, egal wie optimiert der ist. Ich will, dass das, was fehlt, wieder da ist. Waschmittel, Klopapier, Chips, Bier, Kondome – was man eben zum Leben braucht. Und es ist toll, wenn das mit einem Knopfdruck klappt. Oder eben, in dem ich rufe „Ich wünsche mir…“, wie im Märchen. Das geht! Sie müssen vorher nur das Zauberwort sagen: „Alexa“ – das ist wie „Abrakadabra“, aber einfacher. Oder nehmen wir einen anderen ­Logistiker, Netflix. Die haben mal bis zu 1.5 Millionen DVDs pro Tag versendet! Und dann sahen sie das Internet kommen und begannen einen Streaming-Dienst. Wozu DVDs verschicken, wenn ich den Film digital versenden kann? Für den Kunden lag das nahe, ein kleiner Schritt. Für das Unternehmen war es ein enormer Umbruch. Vom ­Logistikunternehmen wurde man zum Service-Provider, das ist ein ganz anderes Business.

Das ist Transformation! Und jetzt gehen wir mal zum dritten Kreis. Das ist das Entdecken. Was können wir noch, das für irgendjemanden da draußen einen Wert hat? Und wie können wir damit Geld verdienen? Für Amazon waren das die Web­services. Man weiß, wie man große Rechenzentren effizient betreut (50 Millionen Updates pro Jahr!), das können auch andere brauchen. Netflix hat auch weiter gedacht. Die hatten etwas, das niemand anderes hatte: eine extrem detaillierte Daten­basis, wer was wann gerne anschaut. Warum also warten, bis die Studios etwas (hoffentlich) Passendes liefern? Deswegen produziert Netflix seit ein paar Jahren seine Serien selbst.

Das Loch in der Wand
Jetzt müssen Sie, lieber Leser, nicht gleich ein eigenes Filmstudio gründen Aber weiter zu denken, ist schon etwas Gutes. Die Autobauer machen das ja auch, lösen sich vom Gedanken „Geld gegen Auto“ und wollen Mobilitäts­anbieter werden. Denn ich will nicht unbedingt ein Auto haben, ich will nur möglichst bequem, schnell und preiswert von A nach B. Und dann weiter nach C und durchs ganze Alphabet. Das wiederum ist wie die Sache mit der Bohrmaschine. Der Kunde kauft keine Bohrmaschine, sondern ein Loch in der Wand. Richtig, aber nur ein Stück, denn ich persönlich brauche überhaupt kein Loch in der Wand. Ich will, dass das Bild an der Wand bleibt. Wenn man das anders hinkriegt, ist mir das auch recht, Hauptsache, es hält.

Für uns bedeutet es, dass wir in ­Lösungen denken müssen. Lösungen, die einen Wert darstellen, den unsere Kunden zu schätzen wissen. Dazu bietet das ­Digitale viel mehr Möglichkeiten, als wir denken. Plattformen und geteilte Ressourcen, um im Verbund effizienter und umweltschonender zu werden. ­„Lebende“ Lager, die jeden Tag anders aufgebaut sind. Modehersteller wie Zozo vermessen ihre Kunden ganz genau und liefern nur noch nach Maß. Damit machen sie viele Sendungen überflüssig (und nebenbei die Kunden glücklicher).
Als kleines Bonbon noch ein bisschen kreatives IoT, noch mal von Net­flix. Kennen Sie die Netflix-Socke? Die hat einen Bewegungssensor und eine kleine LED. Sie ziehen die an, wenn Sie zum Seriengucken auf die Couch gehen. Falls Sie sich lange nicht bewegen, geht die LED an und schaut nach, ob Sie reagieren. Denn wer gepflegt auf dem Sofa lümmelt, hat die eigenen Füße samt Socken meist am unteren Bildrand und sieht dieses Licht. Wenn Sie nicht reagieren, wird die Serie angehalten, damit Sie buchstäblich nichts Wichtiges mehr verschlafen. Na, das ist Fortschritt! In diesem Sinne: Ein erfolgreiches, ­digitales Jahr!

Über den Autor: Ömer Atiker (atiker.com) ist ­Experte für digitale Transformation und „seit der Steinzeit“ online. Seit drei Jahrzehnten unterstützt er Firmen in Sachen Digitalisierung und Strategie. Unter dem Motto „Hallo, ­Zukunft!“ bringt er seine Erfahrungen als Keynote-Speaker auf die Bühne und als Berater in die Unter­nehmen.

Das Buch zum Thema

Ömer Atiker: Das Survival-Handbuch digitale Transformation
Wie Sie dem Wahnsinn die Stirn bieten, den Alltag gestalten und Ihr Unternehmen fit für die Zukunft machen. 296 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-593-50921-1, € 34,95 (D), € 36,00 (A), Campus Verlag, erschienen am 7. September 2018.

Alle reden über Digitalisierung – aber wie genau geht das eigentlich? Zwischen Professoren, Hipstern und Untergangspropheten findet man wenig Antworten, wie man als gestandenes Unternehmen die Chancen der Digitalisierung wirklich nutzt. Was fehlt sind vor allem konkrete Anweisungen: Wie packe ich das Thema an, worauf muss ich achten, was ist die richtige Reihenfolge? Die Antworten finden Unternehmen im Survival-Handbuch digitale Transformation.

Anzeige
zurück zur Themenseite

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Newsletter bestellen

Immer auf dem Laufenden mit dem LT-manager NEWSLETTER

Aktuelle Unternehmensnachrichten, Produktnews und Innovationen kostenfrei in Ihrer Mailbox.

AGB und Datenschutz gelesen und bestätigt.
Zur Startseite