Aus LT-manager 3-4/2019

Kurt Hofmann,

Drohnen, viel mehr als ein Hype

Autonomes Fliegen ist eine neue, zusätzliche Art des Transports, der sowohl im Fracht- als auch im Passagierbereich stattfinden wird. Der Einzug der Drohnen in der Transport- und Logistikbranche kommt eher, als es sich mancher vorstellt. Gegenwärtig blicken viele Unternehmen und Institutionen nach Afrika, wo man aktuell die meisten Erfahrungen mit Drohnen macht.

© FACC

Der globale Weltluftfahrt­verband IATA geht davon aus, dass im Jahre 2020 rund 45 Millionen Drohnen weltweit durch die Luft schwirren. Auch die Entwicklungstätigkeit steigert sich. Gab es 2010/11 bis zu zehn Entwicklungsprojekte, sind es heute im Bereich autonomes Fliegen weltweit 150 Projekte, die massiv vorangetrieben werden.

Für viele, etwa den CEO des oberösterreichischen Flugzeugzulieferers FACC, Robert Machtlinger, wird autonomes Fliegen früher möglich sein als autonomes Fahren, das viel komplexer ist, denn „die Räume sind viel mehr eingeschränkt und die Verkehrsdichte ist viel höher.“ Der europäische Flugzeughersteller Airbus macht mit beeindruckenden Zahlen auf das Thema aufmerksam: So sollen im Jahr 2035 pro Stunde über der Stadt Paris 156 Flugzeuge unterwegs sein (2018 waren es 80), 2.500 sogenannte Urban Air Mobility Vehicles (UAV) – 2018 gab es noch kein einziges davon. Jede Stunde sollten dann 16.667 Drohnen im Zulieferdienst unterwegs sein, (null waren es in 2018), sowie 58 Inspektionsdrohnen (eine in 2018). Aber all das schreit auch nach Regularien im Betrieb von Drohnen und den sogenannten Lufttaxis.

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Drohnenpionier Afrika
Afrika hat weltweit größtes Know-How in der Nutzung von Drohnen. Einige Länder nutzen den geringen Flugverkehr, um mit Drohnen abgelegene und schwer erreichbare Regionen zu versorgen. Auf den ersten Blick klingt es überraschend. Doch bei genauerer Betrachtung der Infrastruktur Afrikas ist dieser Kontinent geradezu prädestiniert für die Verwendung von Drohnen in schwer erreichbaren Regionen. Etwa in Ruanda: Das ostafrikanische Land war das erste der Welt, das einen zivilen Drohnen-Airport eröffnete. Die bergige Landschaft und der schlechte Zustand der Straßen machen Transporte in Ruanda schwierig. Für schnelle Fahrten fehlen Tunnel, Brücken und Autobahnen. Nun werden kommer­zielle Güter in abgelegene oder schwer zugängliche Gebiete mit Drohnen bedient, vor allem aber wird die Bevölkerung mit Medikamenten und Blutkonserven versorgt.

„Die weltweit führenden Nationen im Umgang mit Drohnen sind Ruanda, Malawi oder auch Tansania. Wir sehen, dass Afrika der Vorreiter ist, etwa kürzlich in Ghana. Das Land hat denselben Ansatz wie Ruanda und will den Transport von medizinischen Gütern noch dieses Jahr einführen“, erläutert Céline Hourcade, Head, Cargo Transformation des Weltluftfahrt Verbandes IATA. „Aber auch Regierungen, private Organisationen oder auch das World Economic Forum, all diese beobachten Afrika, um zu lernen und wirklich zu verstehen, wie man Drohnen als Transportmittel auch in anderen Ländern implementieren kann. Also diese Expertise zu übernehmen, zum Beispiel bei der Auslieferung von Notfall-Geräten“, so Hourcade.

Medizin per Fallschirm
In Ruanda werden derzeit 20 Prozent der Blutvorräte außerhalb der Hauptstadt Kigali benötigt. Die Vorgangsweise: Das Gesundheitszentrum sendet eine Anforderung für die Lieferungen per SMS. Die Vorräte werden verpackt, und die Drohne startet in den nächsten 30 bis 45 Minuten, am Zielort lässt die Drohne das Paket fallen, das durch einen Fallschirm abgebremst wird. Wie eingangs erwähnt – auch das Parlament von Ghana hat ein Drohnenprojekt genehmigt, um Blut, Medikamente, Impfstoffe und andere medizinische Güter in Gesundheitszentren abgelegener Gebiete zu liefern.

Ein anderes mögliches Anwendungsbeispiel nennt Hourcade mit dem Viktoriabecken von Ostafrika, welches das am dichtesten besiedelte ländliche Gebiet der Welt ist. Trotzdem sind seine 30 Millionen Menschen nach wie vor schlecht an den Bodentransport und die Grundversorgung angeschlossen. Lebensrettende Fracht wie Blutpackungen, Medikamente, Anti-Gift-Serum oder Ersatzteile für Krankenhausgeräte können oft nicht rechtzeitig geliefert werden. Drohnen können hier enorm unterstützen.

Weitere Unterfangen sind etwa ein Drohnen-Testkorridor in Malawi, welcher von der Civil Aviation Authority des Landes in Zusammenarbeit mit UNICEF verwaltet wird. Die Regierung von Sambia arbeitet Berichten zufolge mit Aerosense von Sony an einem Pilotprogramm zur Lieferung von Drohnen. Weitere Projekte entwickeln sich in Kenia, Tansania und Benin. Südafrika hat zudem ein kommerzielles Drohnen­gesetz verabschiedet, um Drohnen-­Piloten auszubilden und zu lizenzieren. Denn das wichtigste ist es, sicherzustellen, dass diese unbemannten Fahrzeuge sicher und effizient mit der kommerziellen Luftfahrt zusammenleben können, ohne dass Sicherheitsrisiken entstehen – wie man sie vor allem in Europa oder Nordamerika mit dramatischen Zwischenfällen gerade bei Flughäfen zu verzeichnet hat.

„Wir planen eine eigene Frachtfluglinie mit Drohnen. Kenia ist perfekt dafür geeignet. Wenig Flugverkehr, schlechte Infrastruktur. Unsere Drohnen sollten bis zu 250 Kilogramm über das flache Land transportieren“, erläutert der CEO von Kenya Airways, Sebastian Mikosz im Gespräch mit LT-manager. „Viele meiner Airline-Kollegen haben noch nicht begriffen, wie schnell diese Entwicklung weiter gehen wird.“ Die Grundvoraussetzungen für dieses Unterfangen in Kenia seien bereits rechtlich wie technisch vorbereitet.

Globales Interesse: Afrika gibt Nachhilfeunterricht
Afrikas Drohnenexperimente tragen somit weltweit zur Entwicklung dieser unbemannten Flugobjekte bei. Und somit besteht großes Interesse daran, an den afrikanischen Projekten mitzuarbeiten und daraus zu lernen. Hourcade erläutert aber auch noch weitere Projekte mit Frachtdrohnen in anderen Teilen der Welt: Etwa in Kanada, um weit abgelegene Gemeinden zu bedienen, in denen es an Infrastruktur mangelt und es schwer ist, Grundwaren zu bekommen. Und selbst wenn diese verfügbar sind, sind sie entsprechend teuer. Bewohner einer abgelegenen Insel im Norden Ontarios erhalten seit 2019 Vorräte, Medikamente, Lebensmittel und Post mittels Frachtdrohnen. Air Canada, diee mit Drone Delivery Canada (DDC) eine exklusive Vertriebsvereinbarung geschlossen hat, vermarktet deren Lieferdienste. Die Drohne kann fünf Kilogramm Nutzlast bis zu einer Reichweite von 30 Kilometer transportieren. Vorerst liegt die Bereitstellung von Drohnenlieferdiensten für entfernte Gemeinden in Kanada vor. In den nächsten fünf Jahren sollen 200 oder 20 Prozent dieser Gemeinden beliefert werden. Japan testet Frachtdrohnen in ab­gelegenen und dünn besiedelten Gebieten, etwa auf der isolierten Insel Nokonoshima in der Nähe von Fukuoka. Auch wurden von Verkehrsministerium Experimentalflüge in Bergregionen wie in der Präfektur Shizuoka und Toyota gemeinsam mit Japan Post durch­geführt.

Asien liegt vorn, Europa holt auf
Im europäischen Umfeld wird in den nächsten zwei bis drei Jahren vor allem der Frachtbereich, möglicherweise beginnend in der Versorgung von Ölplattformen mit Material und Werkzeug, das Thema Drohnen dominieren. Dieses Einsatzfeld ist eine ideale Plattform, um weitere Daten zu sammeln: Die Routen der Drohnen zu den Ölplattformen werden automatisch abgeflogen, der Input dazu kommt autonom von einem Kontrollzentrum – ähnlich einem Tower. Zudem werden Drohnen günstiger einsetzbar sein als teure Hubschrauber.

Noch ist die Nutzlast begrenzt
Ein Beispiel: Drohnen können ein modulares System sein mit etwa 250 Kilogramm Nutzlast oder auch zwei Passagieren, mit einer Reichweite von 70 Kilometer, die bei der weiteren Entwicklung gesteigert werden kann. Dabei gäbe es schon heute Einsatzgebiete. Eine Beispiel: Starker Schneefall in den Alpen, der Helikopter kann nicht fliegen, doch könnte man eine Drohne in das Tal senden – durch Geländeerkennung kein Problem. Auch Erkundungsflüge bei Vergiftungen, Vermissten­suche und Evakuierung wären technisch umsetzbar. Aber gegenwärtig ist die Nutzlast beschränkt.


“Es wird nicht so sein, das ich mir eine Drohne kaufe und von zu Hause in die Firma fliege. Es wird eher ein Konzept entstehen mit Anbietern, die eine Flotte haben und die Drohnen in einem System untereinander kommunizieren. Anbieter können Airlines, Verkehrsverbünde oder auch Start-ups sein“, glaubt Machtlinger. Das Thema Urban Air Mobility – also mit dem Lufttaxi zur Arbeit – wird in großen Städten mit schlechter Verkehrsinfrastruktur Thema werden, sei es Sao Paolo oder Guangzhou, und mit einer gewissen Zeitverzögerung auch in Europa relevant sein. Zweiter Punkt: die Frachtverteilung. „Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, ein Amazon-Paket mit einem Kilo 50 Kilometer durch die Luft zu fliegen“, so Machtlinger.

Aktzeptanz und verbindliche Regeln
Auch die Akzeptanz in der Bevölkerung, ob und wie mit einem ausge­weiteten Drohnenverkehr die Privatsphäre gestört wird, bleibt ein aktuelles Thema. Ohne einen für Drohnen eingerichteten Flugraum wird es künftig wohl nicht gehen. Bereits jetzt sorgten Drohnen für Störungen im Flugbetrieb an verschiedenen Flughäfen. Nun werden Regeln für Drohnen europaweit vereinheitlicht. Die zuständige Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) in Köln hat Bestimmungen publiziert, die bis Juni 2020 in nationales Recht übergeführt werden müssen. Neben technischen Anforderungen enthält das Schreiben Standards für den sicheren Betrieb: Eine Drohne soll der EASA zufolge identifizierbar sein, „damit die Behörden eine einzelne Drohne nachverfolgen können, wenn dies nötig ist“. Die Bestimmungen seien gut für die Sicherheit und respektierten zugleich die Privatsphäre der Bürger, hieß es. Sowohl kommerzielle Nutzer als auch auch Privatleute hätten dadurch künftig eine klare Vorstellung, was erlaubt sei und was nicht. Anwender könnten ihre Drohnen in allen EU-Staaten nach den gleichen Regeln einsetzen – dies ist auch für Firmen wichtig, die Drohnen in ihr Geschäftsmodell integriert haben. In Deutschland gibt es seit längerem Vorschriften zum Drohnen-Einsatz, die nun teilweise geändert werden müssen. 

Über den Autor: Kurt Hofmann lebt und arbeitet als freiberuflicher Luftfahrt-Journalist im österreichischen Schörfling am Attersee. Er schreibt seit 1995 für internationale Publikums- und Fachmedien über den zivilen Luftverkehr in aller Welt, unter anderem für Aero International, Business Traveler London, NZZ oder die Presse. Als Korrespondent für das US-Magazin Air Transport World berichtet er täglich über Luftfahrtthemen. Hofmann als Luftfahrtexperte häufiger Gast bei Fernseh- und Rundfunkstationen (unter anderem ORF, SRF, ZDF, ATV, Puls 4, Servus TV).

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