Was Würmser wurmt: Gekochter Frosch (Aus LT-manager 1/17)

Werfen Sie mal einen Frosch ins kochende Wasser. Er springt raus. Setzen Sie ihn in kaltes Wasser und erwärmen ihn schön langsam, dann haben Sie nach zehn Minuten gekochten Frosch. Kennt jeder. Ähnlich verhält es sich mit der Innovation. Die Unternehmen haben sich an die Hitze gewöhnt, empfinden sie zeitweise sogar als wohlige Wärme. Bis sie merken, was vor sich geht, ist es zu spät.

Der Denkfehler beginnt im Controlling: Die meisten Unternehmen begreifen Innovation als etwas Lineares. Ein Prozent Marktvolumen ist Grund genug, die Finger davon zu lassen, zumal wenn sie das eigene Geschäftsmodell bedrohen und die Auftragsbücher auch so voll sind. Innovationen verlaufen im echten Leben aber nicht linear, sondern exponentiell. Ganz plötzlich geht das Marktvolumen durch die Decke und wer dann kein skalierbares Produkt hat, endet gleichsam im Froschhimmel. In der Logistik ist die Gefahr besonders groß, weil Technologiesprünge in allen Bereichen gleichzeitig stattfinden – von Transport, Umschlag, Lager über IT bis hin zur Produktion.

Es passiert gerade in der Intralogistik. Dort vollzieht sich die autonome Revolution viel schneller als auf der Straße, und sie ändert das Geschäftsmodell der Intralogistik von Grund auf. BMW hat kürzlich zusammen mit dem Fraunhofer IML ein autonomes Fahrerloses Transportfahrzeug entwickelt und eine Vorserie aufgelegt. STR/5 heißt das Modell, das mit ausgemusterten i3 Batterien unterwegs ist, und auf absehbare Zeit nicht nur den Routenzug ablösen wird. Warum baut ein Autokonzern FTS? Weil der Markt nichts Passendes hergibt. Wie kann das sein, die Intralogistikindustrie hat doch massenweise FTS, Routenzüge, autonom, effizient und nagelneu? Denkfehler Nummer 2: Nicht Anbieter, die autonome Produkte oder ganzheitliche Lösungen im Programm haben, machen künftig das Geschäft, sondern nur wer den Willen mitbringt, diese zu vernetzen, und zwar mit der Konkurrenz. Kunden wie BMW träumen vom Intralogistik-Zoo, in dem alles was pickt, fährt oder packt nicht nur autonom unterwegs ist, sondern markenübergreifend nach standardisierten Regeln miteinander kommuniziert. Offene Schnittstellen sind willkommen, geschlossene Systeme müssen draußen bleiben, heißt es kurz und bündig.

Offene Schnittstellen werden künftig über den kommerziellen Erfolg intralogistischer Hardware entscheiden. Offene Schnittstellen? Sagt sich so leicht, ist aber nicht weniger als der heilige Gral der Intralogistik. Andererseits: wer will schon in der Froschsuppe enden? Anita Würmser

 

Anita Würmser ist seit Jahrzehnten eine Institution in der Logistik. Die Wirtschafts- und Logistikjournalistin war Chefredakteurin von ­„Verkehrs-Rundschau“, „Logistik Heute“ und ­„Logistik inside“. Würmser ist Gründerin und Jury-Vorsitzende der Logistics Hall of Fame. In LT-manager nimmt „Mutti“, wie sie die Branche respektvoll nennt, seit Ausgabe eins in ihrer Ex­klusivkolumne kein Blatt vor den Mund.

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Leitender Chefredakteur LT-manager und Materialfluss