Aus Ausgabe 1/12: Interview mit Eivind Kolding, Maersk Line

Eivind Kolding ist CEO of Maersk Line and of the Container Business.


Das nachfolgende Interview ist eine Ergänzung des Artikels “Steifer Wind aus Norden” aus LT-manager, Ausgabe 1/12 (S. 32).

LT-manager: Wie fühlt es sich an, die größte Containerschiffslinie der Welt und Schrittmacher einer ganzen Industrie zu sein?
Eivind Kolding: Vor 50 Jahren schlug mit dem Beginn der Containerschifffahrt die Geburtsstunde unserer modernen Weltwirtschaft. Fast alles, was wir in unserem alltäglichen Leben sehen – von der Banane in der Küche, der Fruchtschale, in der wir sie servieren bis hin zum Auto, mit dem wir beides im Supermarkt eingekauft und der Kreditkarte, mit der wir alles bezahlt haben: es ist sehr wahrscheinlich, dass alles in einem Container auf einem Schiff war. Die Schifffahrtsindustrie ist ein zentraler Bestandteil der weltweiten Logistikketten und Motor des weltweiten Wirtschaftswachstums. In dieser Industrie tätig zu sein und es erreicht zu haben, „leader“ in der Containerschifffahrt zu sein, ist eine große Motivation für jeden Mitarbeiter in unserem Unternehmen.

LTM: Wie wichtig sind die Mega-Carrier im zukünftigen Wettbewerb?
Kolding: Es gibt keinen Zweifel, dass die „Wirtschaftlichkeit der Größe“ entscheidend für das Überleben in unserem harten Wettbewerb ist. Mit größeren Schiffen kommen geringere Kosten pro Einheit, höhere Energie-Effizienz und Umweltverträglichkeit: Die Grundlage konkurrenzfähiger Preisgestaltung. Aber man benötigt viel mehr als einen guten Preis, um Kunden zu gewinnen. Vor allem muss man halten, was man verspricht. Kunden müssen sich auf uns verlassen können. Dann ist die Zusammenarbeit einfach und angenehm. Ein weiterer Punkt ist: Man muss dort sein, wo der Kunde ist, und sie begleiten, wo immer sie hingehen.

LTM: Was denkt Maersk über seine deutschen Mitbewerber?
Kolding: Deutschland ist eine der großen Schifffahrtsnationen in Europa und ist sehr stark in der Containerschifffahrt involviert: Sowohl als Eigentümer der Schiffe als auch als Reeder. In Deutschland liegen zwei der größten Containerhäfen Europas. Wir haben den größten Respekt vor unseren deutschen Partnern und Mitbewerbern.

LTM: Was sind die Gründe für Maersk die Entwicklung immer größerer Containerschiffe voran zu treiben?
Kolding: Wir sehen die Triple-E Schiffe als logische Weiterentwicklung der PS-Class („Emma Maersk“). Sowohl in ökonomischer als auch in ökologischer Hinsicht. Wir sind stark im Europa-Asien Handel engagiert. Die Triple-E Schiffe werden sicherstellen, dass wir auf dieser Strecke nachhaltig wettbewerbsfähige Liniendienste anbieten können.

LTM: Was ist die Grenze dieser Entwicklung? 20.000 TEU? 24.000 TEU? New Panamax, Suezmax?
Kolding: Die Grenze der Schiffsgrößen ist abhängig davon, wo man hinfahren möchte. Der Suezkanal und der Panamakanal setzen bestimmte Grenzen. Aber auch Wassertiefen anderer Reviere, die Kapazität und die Größe der Containerbrücken setzen weitere Limits. Die Grenze des theoretisch und technisch Machbaren ist in weiter Ferne!

LTM: Wie ist der Status Quo im Neubauprogramm der 18.000 TEU Triple-E Schiffe?
Kolding: Wir erwarten, dass der erste Stahl im Juni 2012 geschnitten wird. Kiellegung des ersten Schiffs wird voraussichtlich im November 2012 sein.

LTM: Wann geht das erste 18.000 TEU Schiff in Fahrt?
Kolding: Die Auslieferung des ersten Schiffs erwarten wir im Juli 2013.

LTM: Es gibt in Deutschland eine sehr kontroverse Diskussion über Personalkosten und Personalstruktur an Bord von Seeschiffen. Macht bei den 12.000 bis 18.000 TEU Schiffen die Flagge noch den Unterschied?
Kolding: Unsere eigenen Schiffe fahren unter den Flaggen Dänemarks, Singapur, Hong Kong und Englands. Die Kosten der dänischen Flagge sind marginal höher als die der anderen Flaggen.

LTM: Ergeben sich aus diesen neuen Schiffen neue Perspektiven für europäische Seeleute?
Kolding: Für uns zählt Qualifikation vor Nationalität. Wir fahren mit Seeleuten aus der gesamten Welt.

LTM: Die Finanzierung ist eine der größten Herausforderungen für die gesamte Schifffahrtsindustrie. Ist das 18.000 TEU Neubauprogramm auch eine neue Runde in einem Verdrängungswettbewerb?
Kolding: Generell ist die Finanzierung schwieriger geworden. Da wir ein Teil der A.P.Moller-Maersk Gruppe mit einer vergleichsweise soliden Bilanz sind, war die Finanzierung bisher kein Problem.

LTM: Was denken Sie über das Risiko, 18.000 TEU mit einem Wert von schätzungsweise einer Milliarde Euro auf ein einziges Schiff zu konzentrieren?
Kolding: Wir sind erfahrene Schiffseigner und Reeder. Wir betrachten die Triple-E als sehr konkurrenzfähige Schiffe und wir sehen in Verbindung mit ihnen keinerlei besondere Risiken.

LTM: Was sind abgesehen von den Schiffsgrößen die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen in der Containerschifffahrt?
Kolding: Der Mangel an ökologischer Transparenz. Es gibt heute noch keine ökologische Transparenz und es gibt kein ausreichendes globales Steuerungssystem, dass die Schadstoffemission von Seeschiffen regelt. Und die Entwicklung weltweiter Steuerungssysteme ist sehr langsam. Wir würden es bevorzugen, wenn alle Wettbewerber den gleichen strengen Umweltauflagen unterworfen wären. Eine globale Industrie sollte global reguliert werden.

Das Schifffahrtsgeschäft ist sehr komplex. Das reicht von altertümlichen Schifffahrtsgesetzen bis zum umständlichen Papierkrieg. Das ganze gepaart mit Hurricanes, Erdbeben, Piraten, Krieg, steigenden Ölpreisen, Versicherungsprämien, Kanalgebühren! Die Schifffahrtsindustrie insgesamt ist unzuverlässig. Es wird nur jeder zweite Container termingerecht transportiert. In anderen Industriezweigen wäre das undenkbar. Unsere Studien zeigen, dass viele Kunden mehr Geschäft machen würden, wenn die Zuverlässigkeit deutlich besser würde. Viele Kunden wären sogar bereit mehr zu zahlen, wenn sicher gestellt wäre, dass ihre Waren pünktlich bis an ihre Haustür geliefert würden. Unser Ziel ist es, bis Ende 2012 95 Prozent unserer Container pünktlich zu transportieren. Gegenwärtig schaffen wir im weltweiten Schnitt über 80 Prozent. Damit stehen wir an der Spitze der Branche. Schon heute transportiert unser neuer revolutionärer Asien-Europa Service, Daily Maersk, 99 Prozent der Container „on time“. Bis heute hatte die Schifffahrtsindustrie die Tendenz die vielen Schwierigkeiten auf ihre Kunden abzuwälzen. Ich denke wir können das besser. Das ist auch ein Grund, warum wir unsere Kampagne „Changing the way you think about Shipping“ gestartet haben.

LTM: Maersk ist selbst im Bereich Hafen-Infrastruktur aktiv. Was würden Sie den Deutschen Häfen in Bezug auf die immer größeren Schiffe empfehlen?
Kolding: Schifffahrtslinien, Terminals und Häfen planen ihre Investitionen längerfristig und müssen ständig wachsende Warenströme bewältigen. Dafür ist es notwendig, dass wir miteinander sprechen, zuhören und Ideen teilen. Das passiert auch schon heute, aber es kann noch mehr getan werden. Ein breiterer Dialog der auch die Infrastruktur im Hinterland stärker berücksichtigt. Denn ein wachsender Welthandel betrifft nicht nur Schiffe und Häfen.

LTM: Die neuen Mega-Vessels sind Flagschiffe einer wachsenden Weltwirtschaft. Sind diese Schiffe flexibel genug, um eine zukünftige Rezession oder Krise der Weltschifffahrt zu Überleben?
Kolding: Die neuen Triple-E Schiffe setzen neue Maßstäbe. Nicht nur in ihrer Größe. Wir sind überzeugt, dass ökonomische und effiziente Einheiten wie die Triple-E Schiffe auch unter schwierigeren äußeren Umständen konkurrenzfähige Dienstleistungen anbieten können.

Über Martin Schrüfer 1245 Artikel
Leitender Chefredakteur LT-manager und Materialfluss