Aus Ausgabe 1/11: Interview mit Dirk Steiger

Dirk Steiger ist Geschäftsführender Gesellschafter der Marktforschungsgesellschaft Aviainform.


Das nachfolgende Interview ist eine Ergänzung des Artikels “2011: Höhenflug … oder Bruchlandung?” auf Seite 44 des
LT-manager, Ausgabe Nr. 1/2011.

LTM: Was machen die Cargo Carrier mit Ihren schwarzen Zahlen aus 2010?

Steiger: Wenn ich Ihre Frage dahingehend deuten darf, dass Sie mit schwarzen Zahlen Gewinne meinen, so ist die Antwort relativ einfach: investieren! Die aktuelle Lage zeigt ja, dass Investitionen in erheblichem Umfang anstehen, um die Sicherheit in der Fracht weiter zu optimieren. Schauen Sie sich an, welche Summen alleine die deutsche Lufthansa Cargo bisher in die Absicherung ihrer eigenen Anlagen und Prozesse investiert hat. Und man ist dort noch lange nicht da angelangt, wo sich der Verantwortliche zurücklegen kann – im Gegenteil! Ein ähnliches Bild ergibt sich auch bei den anderen, weltweit führenden Frachtgesellschaften, die kontinuierlich investieren – von Sicherheit über Flotte bis hin zu IT Verbesserungen. Und exakt diese Gewinne unterscheiden die Anbieter, denn die Erholung und Rückkehr zu Gewinnen haben insbesondere die globalen Top Fracht Airlines erreicht, die mehr als die Hälfte des Aufkommens befördern.

LTM: Wer verdient am besten? Wer ist am besten aufgestellt?

Steiger: Da wir ja von einer arbeitsteiligen Industrie sprechen, so lässt sich diese Frage ziemlich einfach beantworten, nämlich diejenigen, die mit dem geringsten Kapitaleinsatz die höchsten Gewinne erwirtschaften. Sehr „Besitzlastig“ (oder auch „asset heavy“) sind ohne Frage die Luftverkehrsgesellschaften, die regelmäßig in Flugzeuge, deren Betrieb und Wartung investieren müssen. Alleine der Austausch eines defekten Triebwerks kann Kosten im mittleren 2-stelligen Millionenbereich verursachen, wenn eine Neuanschaffung ansteht. Aber auch die gesetzlich vorgeschriebene Wartung verursacht enorme Kosten und hat somit natürlich Auswirkung auf den Flugbetrieb. Und das Risiko des Betriebs einer Frachterflotte ist im heutigen Wettbewerb extrem hoch. So sehen dies bedauerlicherweise auch viel Kapitalgeber, denen knapp 1.6% durchschnittliches ROI schlicht zuwenig ist. Aber auch die Betreiber von Flughäfen stehen regelmäßig vor sehr hohen Investitionen, sei es in Form von Ausbauoptionen oder der Instandhaltung vorhandener Einrichtungen wie Start- und Landebahnen, Funkanlagen, Gerätschaften, usw. Und meist befinden sich die Flughäfen im Besitz der öffentlichen Hand mit nur einem kleinen Anteil an Streubesitz. Gemessen daran könnte man die Anlagegüter bei Spediteuren als relativ überschaubar bezeichnen, aber auch hier dürfen Sie nicht vergessen, dass gerade die großen, globalen Player Investitionen in erheblichem Umfang in den Ausbau der eigenen Organisation vornehmen. Dazu gehören u.a. regelmäßige Investitionen in neue Technologien, Übernahmen weiterer Unternehmen zur Ergänzung des eigenen Netzwerks, usw. – wir sehen diese Form der Anstrengung aber auch vermehrt bei den großen regionalen Playern, die wir hier in Deutschland eher zum großen Mittelstand zählen würden. Zwar verdienen Spediteure durch Diversifizierung (u.a. Kontraktlogistik, Luft- und Seeverkehre, usw.) insgesamt mehr Geld, gehören aber auch nicht unbedingt zu den Top Empfehlungen von Analysten. Auch ist die Ermittlung der Rendite der reinen Luftfrachtsparte kaum möglich.

Im direkten Vergleich erwirtschaften dagegen kleinere und Kleinstunternehmen proportional höhere Gewinne, da sich deren Investitionsrisiko meist gen Null bewegt und viele dieser Anbieter nur einem speziellen Geschäft leben. Zwar geht auch hier der Trend immer weiter dahin, dass ein solches Geschäftsmodell ein Auslaufmodell ist, aber es gibt offenbar noch immer ausreichend davon. Überlegen Sie bitte, dass die globalen Top12 Anbieter mehr als die Hälfte des Gesamtaufkommens bewegen. Und neben diesen Unternehmen existieren weitere, etwa 45.000 IATA Agenturen weltweit, die sich die verbleibenden 50 Prozent untereinander aufteilen müssen. In Anbetracht dessen, dass es gerade hier aber eine Reihe von Anbietern gibt, die sich, ohne aufzufallen seit Jahren kontinuierlich am Markt halten, scheint hier ja noch immer ausreichend Gewinnmarge erzielbar. Diese Argumentation können Sie dahingehend prüfen, dass Banken sich bei der Kreditvergabe an Transportunternehmen ja außerordentlich zurückhalten, d.h. die meisten dieser Kandidaten finanziert sich aus dem reinen Cashflow. Da diese Unternehmen in der Regel nicht publizitätspflichtig sind, ist es wesentlich schwerer, eine verlässliche Größenordnung als Durchschnittszahl zu bestimmen. Jedoch kennen wir aus Untersuchungen eine Reihe von Anbietern, deren Rendite bei 8% und höher liegt.

LTM: Welches werden die Haupthindernisse der Fracht in 2011 sein?

Steiger: Für den deutschen Markt wird dies, bei weiter anhaltendem Mengenzuwachs ein Kapazitätsproblem auf einigen Strecken sein. So erwarten wir, abgeleitet aus unseren eigenen Prognosen, weiterhin starke Nachfrage auf den Strecken von /nach Asien. Aber auch Nachfrage nach anderen Zielen wie zum Beispiel nach Brasilien ist heute schon teils höher als das Angebot, was zu Engpässen und hohen Preisen führt. Und da, bedingt durch das wirklich vielfältige Angebot in Deutschland auch immer mehr Sendungen aus dem europäischen Ausland über Deutschland abgewickelt werden, kann auch dies wieder in einigen Fällen zu Engpässen führen, die sich dann auf die Preisgestaltung der Anbieter auswirken werden. Weiter wird sich die Frage stellen, zu welcher Entscheidung die Europäische Kommission hinsichtlich der aktuellen Fragen nach mehr Sicherheit in der Luftfracht kommen wird. Einen deutschen Alleingang schließe ich zwar aus, nicht aber die Tatsache, dass einige deutsche Politiker extreme Forderungen an die Kommission und somit dann an die Luftfrachtanbieter stellen werden. Wenn jetzt quasi übernacht alle Luftfrachtsendungen ausnahmslos durch neue „Screening Verfahren“ geprüft werden müssen, kann die Luftfrachtbranche mangels ausreichend Scannern (oder unzureichender Technik) gar nicht darauf reagieren, ohne dass es zu erheblichen Verzögerungen und höchst wahrscheinlichen Verteuerungen kommen wird. Aus Sicht von Warenproduzenten oder Im- und Exporteuren sind sicherlich auch die aktuellen und künftigen Preise hinderlich, denn auch die Luftfrachtraten sowie die Treibstoffzuschläge haben sich gegenüber dem Vorjahr wie vorhergesagt, verteuert. Dieser Trend wird sich auch in 2011 fortsetzen.

LTM: Werden die erwarteten Kapazitäten den üblichen Zyklus „einläuten“ (mehr Kapazität = Preisverfall)

Steiger: Sie können sich getrost von diesem Gedanken trennen und sollten schon gar nicht darauf wetten, dass es kurzfristig zu einem Ratenverfall kommt, im Gegenteil. Neben steigenden Treibstoffkosten, weiteren Kosten für die zusätzlich zu implementierenden Sicherheitsmaßnahmen stehen auch die gigantischen Strafen, verhängt durch die Wettbewerbsbehörden, auf der Agenda der großen Luftfrachtgesellschaften. Dazu kommen noch mögliche zivile Klagen, wie jetzt kürzlich bei Air France / KLM geschehen. Da kann auf eine Airline schnell eine zusätzliche Belastung von zwischen € 300 Mio bis zu mehr als eine Milliarde Euro zukommen. Außerdem gibt es noch mögliche „Exit Kandidaten“, die im Laufe des Jahres 2011 ihren Flugbetrieb einstellen und deren Kapazität zunächst im Markt zu weiteren Engpässen führen kann.

LTM: Wie wird es Ihrem Unternehmen in 2011 ergehen?

Steiger: Mit Sicherheit besser als in 2009, wo auch wir die enormen Probleme unserer Kunden zu spüren bekamen. Aber wir haben die Zeit genutzt und neue Services entwickelt. Außerdem konnten wir in 2010 erfolgreich neue Kunden hinzugewinnen, mit welchen wir auch im kommenden Jahr spannende Projekte umsetzen werden. Vordergründig bleibt aber der Spaßfaktor für unsere Mitarbeiter, d.h. wir wollen und werden auch in 2011 wieder mit viel Spaß an unsere Arbeit gehen. Dies gilt im Besonderen für unser Projekt im Logistik Spitzencluster, wo wir gemeinsam mit Fraport, Fraunhofer IML, Schenker und Siemens am Air Cargo HUB der Zukunft forschen. (wp)

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Leitender Chefredakteur LT-manager und Materialfluss

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