Aus LT-manager 3/18: „Agile Optimierung ist interaktiv“

Eva Savelsberg, Bereichsleiterin Logistik des Softwareunternehmens Inform, hat mit dem Fachbuch „Agile Optimierung in ­Unternehmen: Das Unplanbare digital managen“ für ­Aufsehen gesorgt. Im Gespräch mit LT-manager erklärt die Managerin und Wissenschaftlerin das Konzept und den Stellenwert des Ansatzes für Inform.

LT-manager: Frau Savelsberg, nicht allen Managern dürfte der Begriff agile Optimierung vertraut sein – können Sie in drei Sätzen eine Definition versuchen?
Eva Savelsberg: Agile Optimierung ist ein Instrumentarium, das es gerade Managern ermöglicht, in einer heute sehr komplexen, vernetzten und zeitkritischen Welt Entscheidungen sehr
effizient treffen zu können. Die agile Optimierung liefert mithilfe von Software Handlungsvorschläge. Der Manager wird nicht überstimmt, sondern kann in kürzester Zeit Entscheidungen von einer Qualität fällen, die ein Mensch nicht treffen kann.

LTM: Warum?
Savelsberg: Weil die Variablen zu zahlreich und zu komplex sind und der Mensch nur ein bestimmtes Spektrum überblicken kann. An dieser Stelle bietet die agile Optimierung Unterstützung.

LTM: Haben Sie ein greifbares Beispiel?
Savelsberg: Ich beschäftige mich sehr häufig mit Container-Logistik. Nehmen Sie 60 Container und 60 Straddle-Carrier: Es gibt mehr Möglichkeiten, welcher Carrier in welcher Reihenfolge welchen Container nimmt, als es Atome im Universum gibt. Die Kombinatorik ist so umfassend, dass der Mensch keine Chance hat und dann automatisch auf seine Erfahrung zurückgreift. Das will ich auch gar nicht schlecht machen, aber auch Erfahrung hat ihre Limitierung.

LTM: Wie messen Sie Erfahrung gegen Ergebnisse, die aus agiler Optimierung stammen?
Savelsberg: Das Ballett auf einem Terminal im gesamten zu messen, ist schwierig. Aber in Teilen, beispielsweise bei einer Zugbeladung, sehen Sie, dass ein Planer dafür zwei Stunden braucht und die Software ein oder zwei Sekunden. Zudem hat die Software den Zwang, alle gegebenen Rahmenbedingungen auch einzuhalten und keine menschlichen Workarounds einzubauen. Und sie ist, wie gesagt, schneller. Die Weiterentwicklung der Algorithmen hat eine stärkere Beschleunigung in die Prozesse gebracht als die Weiterentwicklung in der Prozessortechnik. Wenn man sich vor Augen hält, wo allein Computer in den 90er Jahren standen, sehen Sie die Potenz in dem Thema. Ein Problem, das damals 100 Jahre Rechenzeit erfordert hat, können Sie heute in zwei Sekunden rechnen. Bei aller Hochachtung vor dem Menschen, die ich habe: Da wird er nicht mehr mithalten können. Der Mensch hat andere Fähigkeiten. Die agile Optimierung ist interaktiv, sie braucht die Erfahrungswerte des Menschen. Wir schaffen keine menschenfreie Welt.

LTM: Verzeihen Sie die Frage, aber: Kann Software, wie wir sie kennen, nicht bereits agile Optimierung?
Savelsberg: Stellen Sie sich das am Besten in Stufen vor. ERP-Systeme haben Daten gesammelt und zugänglich gemacht. Agile Optimierung gibt dann Handlungsempfehlungen oder optimierte Entscheidungen werden automatisch durchgeführt. Durch Business Intelligence lässt sich dann evaluieren, wie effizient Prozesse zum Beispiel mit oder ohne Optimierung durchgeführt werden. Der Manager muss die Daten nicht mehr selbst interpretieren wie bisher beispielsweise am Leitstand eines Lagers üblich. Das Prinzip ist nicht neu, viele Problemstellungen sind aber erst heute in akzeptabler Zeit berechenbar.

LTM: Und so hält Künstliche Intelligenz dann Einzug ins Management?
Savelsberg: Das hat sie bereits im Alltag, die Nutzung eines Navigationssystems ist nichts anderes. Ins Management wird sie ebenso Einzug halten. Die Namensgebung, die Hype-Wörter, zu denen ja auch KI gezählt werden kann, sind Konstrukte, die bestimmte Entwicklungen benennen.

LTM: Wie kann man den Geschäftsführer eines mittelständischen Familienbetriebs dafür begeistern, dass er jetzt KI in seine Entscheidungen einbezieht?
Savelsberg: Diesem Geschäftsführer, den Sie da beschreiben, ist die Namensgebung erst einmal egal, denke ich. Wenn er dagegen verdeutlicht bekommt, worin der Mehrwert besteht, wieviel Transparenz und Entlastung er bekommt und um wieviel besser er Entscheidungen auch abstützen kann und hierdurch eine erheblich bessere Ressourcenauslastung erreicht werden kann, dann beginnt seine Begeisterung. Agile Optimierung bedeutet auch, dass ein Teil immer auf den Kunden zugeschnitten sein muss. Das ist nichts, was man mit einem Päckchen verschickt und was dann einfach installiert wird (lacht). Auch wir müssen den Geschäftsprozess beim Kunden verstehen, bevor wir die Software optimal trimmen können.

LTM: Können die neuen Erkenntnisse aus agiler Optimierung auch den Entrepreneur anregen?
Savelsberg: Genau – nach den Erkenntnissen neue Produkte zu finden oder bestehende neu zuzuschneiden, das kann Begeisterung für agile Optimierung durchaus fördern.

LTM: In welchen Bereichen der Logistik oder des Transports lässt sich das Konzept besonders gut umsetzen?
Savelsberg: Inform ist sehr breit aufgestellt, wir haben verschiedene Geschäftsbereiche, die sich mit Flughäfen beschäftigen, mit Containerterminals, mit Lkw-Disposition, mit Materialwirtschaft, mit Produktion und anderen Bereichen. Die Einsatzgebiete kann man nicht auf einen Transportweg beschränken. Das Einsatzgebiet ist ganz allgemein dort, wo die Komplexität dem Manager die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Gerade in der Logistik ist agile Optimierung an fast allen Stellen ein gutes Werkzeug.

LTM: Sie bieten agile Optimierung also in allen Geschäftsfeldern an?
Savelsberg: Ja. Inform hat eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung und natürlich gibt es Geschäftsbereiche, die stärker vorangehen. Aber dann eher in Pilotfunktion, die anderen Bereiche nutzen dann die Erkenntnisse. Bei uns geht es eher um die Problemart und nicht den Verkehrsweg.

LTM: Reden wir bei der agilen Optimierung oder auch KI von einer Evolution oder einer Revolution?
Savelsberg: Gute Frage. Ich glaube innerhalb von Inform, einem Unternehmen, das sich seit 50 Jahren mit Optimierung und seit 20 Jahren mit KI beschäftigt, ist es eine Evolution. Die Schritte, die wir mit unseren Kunden gehen, können dort aber durchaus eine kleine Revolution bedeuten. Von wenig Software auf zum Beispiel eine Machine-Learning-Lösung zu wechseln, das bedeutet einen gewaltigen Sprung, ohne jetzt beängstigend wirken zu wollen.

LTM: Sich selbst steuernde Systeme sind dagegen noch eine Utopie?
Savelsberg: Ja und nein. Man hat bereits vor Jahrzehnten die menschenleere Fabrik diskutiert, die nie kam. Auch bei Containerterminals befürchtet man das heute. Ich glaube schon, dass die Unterstützung durch Software zunehmen wird, aber der Mensch nie obsolet wird. Der Mensch hat Fähigkeiten, die eine Maschine nie abbilden können wird, zumindest werden wir beide das nicht mehr erleben. Es wird mehr in Richtung einer Koexistenz gehen, für die aber noch viel Forschungsbedarf besteht. Die Rolle des Menschen in Abläufen wird erhalten bleiben und es werden nicht nur rein datengetriebene Prozesse dominieren.

LTM: Ist die Logistik im Vergleich zu anderen Sparten aufgeschlossener für das Thema?
Savelsberg: Die Branchen sind allgemein sehr unterschiedlich, die Welten des Betreibers eines Containerterminals und der eines Zementproduzenten sind weit auseinander. Aber alle sind aufgeschlossen, wenn es um das Sparen von Zeit und Geld geht.

LTM: Insofern gibt es in der Logistik keine größeren oder kleineren Vorbehalte als in anderen Sparten?
Savelsberg: Nein, die Logistik ist ja auch sehr breit aufgestellt. Es gibt Bereiche, die software-affiner sind als andere, aber aus unserer Erfahrung ist die Idee der Optimierung bei allen durchaus eingängig geworden.

LTM: Inwieweit erleichtert die gute Konjunktur in der Branche derzeit ihre Arbeit?
Savelsberg: Man spürt auf alle Fälle, dass deutlich mehr Anfragen kommen und mehr Abschlüsse getätigt werden. Das gibt unserem Unternehmen Luft, mehr zu investieren. Aber eine Situation ist nie nur entspannt, denn Sie brauchen Mitarbeiter für dieses Wachstum. Und die müssen Sie erst einmal anwerben. Ein solcher Bedarf für Ressourcen­skalierung besteht aber auch bei unseren Kunden in anderer Form. Agile Optimierung hat zudem den Vorteil, dass ich mit ihr mehr Vorgänge oder Aufträge abarbeiten kann, ohne gleich in die ­Infrastruktur investieren zu müssen. Das macht mich flexibel, Software lässt sich leicht runterskalieren. Sie investieren nicht in Güter, die dann nur rumstehen. Eine Containerbrücke kostet vier oder fünf Millionen Euro, da bekommen sie einige Software-Lösungen für, wenn ich das mal so salopp sagen darf. Aber die Software spart dann möglicherweise den Kauf dieser Containerbrücke ein.

LTM: Wird agile Optimierung eines der großen Themen für Inform?
Savelsberg: Agile Optimierung ist eine Anreicherung der Optimierung, die wir bereits seit vielen Jahrzehnten machen. Sie ist ein starkes Thema bei uns, aber unsere DNA ist Optimierung, wir kommen aus dem Operations Research und haben diese Ansätze immer schon entwickelt.

LTM: Wie groß muss ich mir den Logistikbereich bei Inform vorstellen?
Savelsberg: Inform hat aktuell rund 600 Mitarbeiter und ein Großteil macht unter verschiedenen Namen wie Aviation oder SCM letzten Endes Logistik. Wir haben aber auch einen Bereich, der sich mit Betrugserkennung beschäftigt, das hat an sich nichts mit Logistik zu tun, auch wenn hier die Prinzipien der agilen Optimierung in gleicher Weise funktionieren. Der Rest ist aber in der Tat Logistik. Selbst bei unserem Bereich Workforce Management geht es indirekt um nichts anderes als logistische Prozesse.

LTM: Wie gehen Sie bei der Gewinnung von neuen Mitarbeitern vor?
Savelsberg: Inform hat einen sehr nachhaltigen Ansatz gewählt, wir bilden verstärkt aus und machen mit der Fachhochschule Aachen gemeinsam den Dualen Studiengang Mathe­matisch-Technische Softwareentwickler (MATSE). Nach drei Jahren haben die Absolventen dann auch Projekterfahrung bei Inform, das ist optimal. Inform bietet viel für seine Mitarbeiter und wir freuen uns deswegen über eine sehr geringe Fluktuation von lediglich nur drei Prozent.

LTM: Ist der Standort Aachen günstig für die Gewinnung für Mitarbeiter?
Savelsberg: Aachen ist attraktiv für die-jenigen, die es kennen. Die Universität ist sehr gut, die Stadt hat eine gute Größe und dennoch kurze Wege.

LTM: Unterstützt die Politik die Unternehmen in genügendem Maße, was das Thema Bildung und Ausbildung angeht? Sie kennen als Dozentin ja beide Seiten…
Savelsberg: Natürlich kann man sich immer mehr Investitionen wünschen in diesen Bereich. Die MATSE-Ausbildung ist toll, aber in Schulen gibt es sowas noch nicht. Hier könnte man sich mehr Interaktion vorstellen, um noch mehr Kinder für die MINT-Fächer zu begeistern. Da gibt es noch Potenzial.

LTM: Sie haben Maschinenbau studiert und dort auch habilitiert, was führte Sie raus aus dem Lehrbetrieb?
Savelsberg: Maschinenbau ist an sich bereits ein sehr anwendungsorientiertes Studium und auch während meiner Doktorarbeit und später bei der Habilitation habe ich anwendungsorientiert gearbeitet und bei der RWTH einen Bereich geleitet, der sich mit großen Forschungsprojekten in der Logistik beschäftigte. Die Arbeit mit Firmen hat immer meinen Alltag geprägt. Sicherlich habe ich auch Lehre gemacht, damals, aber das mache ich auch heute noch. Software, Maschinenbau und Logistik – in diesem Dreieck hat sich mein Leben bewegt.

LTM: Und dann kam Inform…
Savelsberg: Genau. Ich habe damals ein MBA-Programm für Manager betreut und Inform für Vorträge eingeladen. So lernte ich das Unternehmen kennen und da ich als Maschinenbauerin auch immer wusste, dass ich nicht auf ewig im Hochschulbetrieb bleiben wollte…

LTM: Warum?
Savelsberg: Um die Vielfältigkeit des Lebens kennenzulernen. Das Bedürfnis, die andere Seite kennenzulernen, war groß. Damals war der Zeitpunkt erreicht, von der Universität zu Inform zu wechseln. Aber auch ein Manager in einem Unternehmen muss immer wieder über den Tellerrand hinausschauen und weiterdenken. Da ich immer noch eine Lehrtätigkeit an der RWTH ausübe, bleibt mir dieses Feld.

LTM: Und die Bücher wie das vorliegende schreiben Sie in der Freizeit?
Savelsberg: Ja (lacht). Aber das ist auch in der Wissenschaft ab und an so, dass die Texte in der Freizeit entstehen.

LTM: Zu guter Letzt: Bei welcher Ihrer im Alltag könnten Sie KI zur Unterstützung benötigen?
Savelsberg: Ich freue mich auf Vieles, was die KI bringt. Das sind kleine Dinge wie beispielsweise ein Chatbot, der per Spracherkennung ermöglicht, Daten aus einem System abzufragen. Wir sitzen alle viel im Auto und die Perspektive, nicht immer Mitarbeiter von unterwegs aus nerven zu müssen, wenn man was wissen will, sondern einen Chatbot, gefällt mir.

Das Interview fand am Hauptsitz des Unternehmens in Aachen statt. Autor Martin Schrüfer konnte der Versuchung widerstehen, nach dem Interview die belgische Grenze zu überqueren und sich mit einer großzügigen Portion Pralinen auf den Heimweg zu machen – sehr zum Leidwesen der Kollegen. Die Künstliche Intelligenz eines Navigationssystems hat er aber auch bei dieser Reise wieder bis zum Anschlag genützt, um zum Gespräch und im Anschluss auch wieder nachhause zu finden.

VITA
Dr.-Ing. Eva Savelsberg ist Mitglied der Geschäftsführung der Inform in Aachen. Als Leiterin des Geschäftsbereichs Logistik ist sie verantwortlich für Softwaresysteme, die logistische Prozesse mithilfe von intelligenten Algorithmen in Echtzeit optimieren. Sie ist Dozentin an der RWTH Aachen, hat dort auch in Maschinenbau promoviert und habilitiert. Sie hat vier Bücher und mehr als 30 Veröffentlichungen über Innovationen in der Transportlogistik publiziert.

 

ÜBER DAS BUCH
Komplexität, Vernetzung, Beschleunigung und Störungen prägen die moderne Geschäftswelt. Die Folge: „Brände“ werden gelöscht, Prozesse kleinteilig optimiert und Unternehmensziele aus den Augen verloren. In diesem Buch präsentieren die Autoren die Managementstrategie der Agilen Optimierung. Sie befähigt Unternehmer mit Komplexitätssteigerungen, Störungen und unplanbaren Ereignissen im Geschäftsalltag besser umzugehen – und negative Auswirkungen zu verhindern.
Dahinter steht die Digitalisierung operativer Managemententscheidungen zur Steigerung von Produktivität und unternehmerischer Resilienz. Vorhandene, bislang unerkannte Entscheidungsspielräume werden mithilfe von Computerintelligenz erweitert und Manager erhalten situationsgerecht optimierte Handlungsempfehlungen. Denn Mensch und Maschine wissen mehr als der Mensch allein. Neben der Expertise von Experten aus den Bereichen Agilität und Optimierung geben 14 Unternehmer einen Einblick, weshalb sie sich für die Agile Optimierung entschieden haben. Das Buch verrät, welche Stärke hinter dem interaktiven Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine steht.
„Agile Optimierung in Unternehmen: Das Unplanbare digital managen“ ist am ­12. April im Haufe Verlag als Taschenbuch und als eBook erschienen und kostet 29,95 Euro (Buch). ISBN: 978-3648111352
Über Martin Schrüfer 1307 Artikel
Leitender Chefredakteur LT-manager und Materialfluss